Wenn Nazis keine Nazis sind und die dann auch nicht “Sieg heil” rufen

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Man möchte derzeit nicht bei ARD und ZDF, noch bei FOCUS oder BILD arbeiten. Denn dann braucht man viel Phantasie und wenig Recherchewissen. Zu beobachten war dies in diesen Tagen bei der Berichterstattung über die Frankfurter Buchmesse.

Auf besagter Buchmesse konnten auch konservative und rechte Verlage ausstellen. Der Anfang des Unterganges des deutschen Gutmenschenabendlandes! So die Reaktion einiger selbsternannten Linken und der linksgründurchsetzten staatstreuen Presse. Aber, und das gefiel, hier kamen Nazis vor und aufrechte Antideutsche. Das bringt Auflage. Da ist es dann auch egal, wenn man Falschnachrichten (neudeutsch Fake-News) übernimmt, solange die politische Ausrichtung stimmt. Auflage statt Qualität.

Ein bisschen Tumult, ein gestürzter Abgeordneter – die Schlagzeilen sind gemacht. Raub und Zerstörungswut an den Messeständen dürfen durchaus vergessen werden. Doch es gibt kritische Medienbeobachter. Unter ihnen auch diesmal Meedia, Dessen Redaktion klärt sogar Nico Wehnemann auf, Stadtverordneter der Stadt Frankfurt und Funktionär der “Satirepartei” DIE PARTEI. Immerhin war Herr Wehnemann selbst dabei und wurde niedergerungen – von Nazis, umstellt – von der Polizei und er hörte “Sieg Heil” Rufe von Identitären.

Blöd nur, wenn auch andere dabei waren. Sogar der, der ihm das Foto zur Verfügung stellte …. Doch der wird nicht gefragt. Denn erst einmal stellen sich die Gutmensch-Haudegen hinter Wehnemann. Der Ex-Chefredakteur des Titanic-Satiremagazins, Leo Fischer, zum Beispiel auf Facebook:

Ein Frankfurter Stadtverordneter, Nico Wehnemann, wurde heute auf der Buchmesse zusammengeschlagen, weil er gegen die von der Messe geduldeten Nazis protestiert hat. Die Frankfurter Polizei stand daneben und schritt nicht ein. Dann hat sie Nicos Personalien aufgenommen, nicht jedoch die des Nazis, und Nico einen Platzverweis erteilt. Während Dutzende Identitäre “Sieg Heil” schrieen. Nico begibt sich gerade in medizinische Behandlung.

Messeleitung und Polizei werden von den Faschisten vorgeführt. Eine armselige, eine beschämende Veranstaltung.

Daraufhin konnte Superkomiker Jan Böhmermann nicht mehr in sich halten und schrieb: “Gastland Dunkeldeutschland. ” Warum auch nicht. Er nennt sich selbst Satiriker und sieht selbst im Mitteldeutschen Fußball Rassismus – Stichwort Dynamo Dresden. Wer mag kann googlen.

Doch mit Dunkeldeutschland hatte in der Geld- und Westmetropole Frankfurt nichts zu tun. Auch Leo Fischer musste klein beigeben, nachdem genannter Fotograph nun endlich zu Wort kam und sein Video teilte:

Hups!

Herr Fischer ergänzte so dann seinen Facebook-Status mit den Zeilen:

EDIT, 15.10., 17 Uhr: Nach aktuellen Erkenntnissen handelte es sich bei dem Angreifer auf Nico um einen Sicherheitsmitarbeiter der Messe. Für Nico war das zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Es ist denke ich logisch, daß man in einer aufgeheizten Atmosphäre, in der man bereits mehrfach von Nazis angerempelt und beleidigt wurde, nicht damit rechnet, daß ein bulliger Typ in Rockermontur und ohne Kennzeichnung, der sich einem inmitten von Nazis mit “hier geht’s nicht weiter” in den Weg stellt, tatsächlich nur ein freundlicher Servicemitarbeiter der Messe ist. Sollte dieser Herr kein Nazi sein, so möchte ich mich bei ihm für diese Bezeichnung entschuldigen. Nicht entschuldigen möchte ich mich bei der Messeleitung, deren plan- und verantwortungslose Strategie für eine solche Situation direkt verantwortlich ist.

Also Nazis, irgendwo muss es ja noch welche geben, hatten trotzdem Schuld. Nicht erwähnt wurde allerdings, dass ein echter Nazi über 90 Jahre alt sein müsste – eine echte Gefahr für Satirepolitiker. (Gerechnet: Um NSDAP Mitglied zu werden, musste man bis zum Mai 1945 mindestens 18 Jahre alt gewesen sein. Also geboren im Jahre 1927. Wir schreiben das Jahr 2017. Also: 2017 minus 1927 …. 90)

 Was die angeblichen „Sieg Heil!“-Rufe betrifft: Wehnemann sagt, er persönlich habe nur mitbekommen, dass ein einzelner Rechter „Sieg Heil!“ gesagt habe, während er ein Plakat eines der Demonstranten in Stücke riss. Sprechchöre habe es „natürlich nicht“ gegeben. Bislang sind auch noch keine Videos oder Ton-Dokumente aufgetaucht, die „Sieg Heil!“-Rufe bei der Veranstaltung belegt hätten.

erklärt Meedia – Autor Stefan Winterbauer und kommt auf die nächste Ungereimtheit zu sprechen.

Bei der Berichterstattung macht unterdessen ein dpa-Bild die Runde, das einen kahlköpfigen Mann in schwarzem T-Shirt zeigt, der aggressiv mit dem Finger auf einen anderen zeigt. Der Mann, der auf den ersten Blick wirken könnte, wie ein rechter Aggressor, ist freilich ein Mitglied des antifaschistischen „Black Bembel Block“ der den „rechten Verleger“ Götz Kubitschek vom Antaios Verlag angeht. Es ist verwirrend.

Als Gewinner der Fake News Kampagne und derer Aufklärung sieht Winterbauer die “rechten Verlage”. Verlierer, aus unserer Sicht, ist auf jeden Fall der Leser. Noch schlimmer jedoch wiegt das Versagen der Demokratie. Ob in Frankfurter Messehallen, Dresdener Strassen oder Lüneburger Marktplätzen: eine politische Debatte scheint es nicht mehr zu geben. Stattdessen Gebrüll und Handgreiflichkeiten, Gewalt und Hass. Schliesslich Verletzte, Opfer und Täter. Kein gutes Omen für Deutschland, dass dieser Hass, die versuchte Meinungsunterdrückung, nun auch – wieder (!) – für Deutschland zutrifft. Wie anno dazumal in den 1920/30er Jahren.

 

4 thoughts on “Wenn Nazis keine Nazis sind und die dann auch nicht “Sieg heil” rufen”

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