Ohne Moos nix los!


Enteignung christlicher Stätten in der Türkei

Von Christian Schwochert
 Das christliche Erbe in der Türkei ist einmal mehr gefährdet. Die dortige Regierung hat zahlreiche Kirchen, Klöster, Ländereien und Grabstätten beschlagnahmt.

Das christliche Erbe vieler türkischer Städte droht nun endgültig vernichtet zu werden: Der türkische Staat hat in den vergangenen Tagen zahlreiche Kirchen, Klöster, Ländereien und Grabstätten beschlagnahmt. Eine von den Beschlagnahmungen betroffenen Regionen liegt an der Grenze zu Syrien. Sie wird „Tur Abdin“ genannt, was auf Deutsch „Berg der Diener Gottes“ bedeutet. Die Bewohner dieser Region wurden bereits im ersten Jahrhundert von den Aposteln Thomas und Thaddäus zum Christentum bekehrt. Die ersten christlichen Zeugnisse datieren in der Spätantike, einige der christlichen Klöster dort stammen aus dem vierten Jahrhundert und zählen zu den ältesten weltweit. Vor dem Völkermord an den Armeniern, Assyrern und Aramäern vor hundert Jahren lebten dort Hunderttausende Christen. In den achtziger Jahren gerieten die Christen zwischen die Fronten des Krieges zwischen dem türkischen Militär und der kurdischen Arbeiterpartei (PKK).
Sie wurden von beiden Seiten bedrängt und einerseits der Kollaboration, andererseits der Kooperation mit „Terroristen“ beschuldigt. Zehntausend Christen verließen in den achtziger und neunziger Jahren ihre türkische Heimat. Heute leben noch etwa 2000 Aramäer in der Region. Seit zehn Jahren kommt es immer wieder zu Enteignungen christlichen Eigentums durch den türkischen Staat. Für Schlagzeilen sorgten in der Vergangenheit die gerichtlichen Auseinandersetzungen um das syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel in der Nähe der Kleinstadt Midyat. Jetzt hat der türkische Staat eine vor fünf Jahren beschlossene Gebietsreform dazu genutzt, zahlreiche Kirchen und Klöster samt Grabstätten bei Mardin zu konfiszieren und teilweise in den Besitz des islamischen Religionsamtes Diyanet zu überführen. Das bestätigte das Gouverneursamt der Provinz Mardin gegenüber der türkischen Presse, nachdem der Stiftungsrat des Klosters Mor Gabriel Alarm geschlagen hatte. Es handelt sich nach Angaben der Gemeinde um mindestens 50 Klöster, Kirchen und Friedhöfe.
Warum die christlichen Liegenschaften ausgerechnet jetzt beschlagnahmt wurden, sagte das Gouverneursamt nicht. Auch nicht, was mit ihnen geschehen soll.  „Das ist eine neue und erschreckende Dimension“, sagt Daniyel Demir, der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland. Er befürchtet, dass die bis jetzt bekannt gewordenen Enteignungen „nur die Spitze des Eisbergs“ sind. Da die türkische Religionsbehörde Diyanet ausschließlich eine sunnitisch-islamische Agenda verfolge, sich aber weder für die Belange der Christen oder der Aleviten im Land einsetze, könne die Enteignung bedeuten, dass nun Kirchen und Klöster verkauft oder als Lager, Fabriken, Museen oder auch Moscheen genutzt würden. Oder als Pferdeställe, so wie in Nordzypern, möchte man hinzufügen. Derzeit versuchten die im Lande verbliebenen Aramäer herauszufinden, welche der Hunderte Kirchen in Tur Abdin tatsächlich betroffen seien, berichtet Demir. Auch würden Juristen eingeschaltet. Der Sprecher der Aramäer fordert zudem die deutsche Bundesregierung zum Handeln auf: „Wir fordern, dass der Mantel des Schweigens endlich abgelegt wird.“ Demir ist auch enttäuscht über das Verhalten des türkisch-islamischen Verbandes Ditib, der als verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde in Deutschland gilt. „Die Toleranz, die man zu Recht in Deutschland einfordert, sollte auch den Minderheiten in der Türkei gewährt werden, dafür sollte sich Ditib einsetzen.“ Unionsfraktions-Vize Franz Josef Jung erwartet von der Bundesregierung Aufklärung über die Vorgänge in der Türkei. „Wir haben das Auswärtige Amt um eine Klärung des Sachverhalts gebeten“, sagte er der Zeitung WAZ. „Die Nachricht erfüllt uns aufgrund der Tatsache, dass in der Türkei Religionsfreiheit nicht voll gewährleistet wird, mit großer Sorge“, so Jung. Eine Enteignung durch die Hintertür widerspräche den vertraglichen Vereinbarungen, die die Türkei eingegangen sei.
 

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