Ohne Moos nix los!


“Oh, ich lasse mich nicht stören; er ist der erste Volksverräter.“

Volksverräter ist das Unwort des Jahres. Sagen die, die das Wort kürten.

Das Wort, so die Sprachwissenschaftler, sei ein “Erbe von Diktaturen”. In der Pressemitteilung heißt es:

Volksverräter ist ein Unwort im Sinne unserer Kriterien, weil es ein typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten ist. Als Vorwurf gegenüber PolitikerInnen ist das Wort in einer Weise undifferenziert und diffamierend, dass ein solcher Sprachgebrauch das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt. Der Wortbestandteil Volk, wie er auch in den im letzten Jahr in die öffentliche Diskussion gebrachten Wörtern völkisch oder Umvolkung gebraucht wird, steht dabei ähnlich wie im Nationalsozialismus nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern für eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt. Damit ist der Ausdruck zudem antidemokratisch, weil er – um eine Einsendung zu zitieren – „die Gültigkeit der Grundrechte für alle Menschen im Hoheitsgebiet der Bundesrepublik“ verneint.

Als dem Vizebundeskanzler Sigmar Gabriel “Volksverräter” zugerufen wurde, nach Spiegel Online vom rechten Pöbel, zeigte er “seinem” Volk den Mittelfinger. Da fragt man sich, welche Geste mehr “die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt.”

Davon abgesehen, ist es erhellend, dass Sprachwissenschaftler dem Wort Volk vorrangig eine negative Deutung zuschreiben. Wobei man die verschiedenen Bedeutungen des Wortes verwürfelt:

Der Wortbestandteil Volk, […] , steht dabei ähnlich wie im Nationalsozialismus nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern für eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt.

Volk, so definiert Wikipedia:

Der mehrdeutige Begriff Volk bezeichnet eine Reihe verschiedener, sich teilweise überschneidender Gruppen von Menschen, die aufgrund bestimmter kultureller Gemeinsamkeiten und Beziehungen und zahlreicher Verwandtschaftsgruppen miteinander verbunden sind.

Ein Staatsvolk indes, so Wikipedia:

Das Staatsvolk ist die Gesamtheit der durch die Herrschaftsordnung eines Staates vereinigten Menschen. Neben dem Staatsgebiet und der Staatsgewalt ist es eines der drei Elemente im völkerrechtlichen Sinne.

Die Unterschiede sind jedem aufmerksamen Leser des Preussischen Anzeigers bewusst, nur den Sprachwissenschaftlern nicht?  Aber lassen wir die Begründung noch weiter auf uns wirken und nutzen wir die Definitionen, die sich im Netz finden lassen und dem deutschen Recht entsprechen. Bevor wir zur eigentlichen Herkunft des Wortes kommen, nutzen wir noch einmal Wikipedia, lassen wir uns noch einmal bezirzen, auch wenn sich diese Definition in den ersten Zeilen widerspricht:

Der Begriff Volksverrat wurde in der Sprache des Nationalsozialismus geprägt.

Er entstand nach dem Ersten Weltkrieg im Sprachgebrauch der Rechtsextremen als Bezeichnung für die demokratisch geprägten Anhänger der Weimarer Republik. Nach der Machtergreifung führten die Nationalsozialisten den Tatbestand des Volksverrates im Strafrecht ein.

Das Lexikon Drittes Reich klärt uns auf:

Volksverrat im nationalsozialistischen Rechtsdenken das “Staatsverbrechen” schlechthin, Oberbegriff für die “Erscheinungsformen” Hoch-, Landes-, Gebietsverrat u. a. Volksverrat war jeder Angriff auf die Autorität des Staats bzw. auf die für den Nationalsozialismus grundlegende “Idee der Volksgemeinschaft”. Der Volksverräter zerreißt nach diesem Denken das “Bewusstsein seiner heiligen Bindung” zum “Staat als einer verschworenen Treuegemeinschaft”. Hoch- und Landesverrat seien dem Wesen nach ein und dasselbe Verbrechen; auf eine Unterscheidung komme es nicht mehr an, da ein Angriff auf den inneren Bestand des Staats immer auch den äußeren Bestand untergrabe und umgekehrt. Im nationalsozialistischen Strafrecht genoss schärfste Verfolgung des Volksverrats von Anfang an höchste Priorität.

Fassen wir diese Informationen zusammen: Volksverrat war ein Staatsverbrechen. Es war Hoch-, Landes- und Gebietsverrat, es war Verrat am Staatsvolk, am System, am Staat. Aktivisten waren Volksverräter, wie die Mitglieder der weissen Rose bis hin zu Stauffenberg.

Aber lassen wir an dieser Stelle Peter Grimm, achgut.com, reden. Er schrieb, bereits 2006:

Kein geringerer als Karl Marx hat in seinen Werken an die wahrscheinliche Geburtsstunde des „Volksverräters“ im politischen Diskurs erinnert. In einer Parlamentssitzung in der Frankfurter Paulskirche am 26. Mai 1849 meldet sich Wilhelm Wolff, der einzige Abgeordnete dieses Hauses, der den Marxschen Kommunismus-Vorstellungen folgte, bei einer Abstimmung über die „Proklamation an das deutsche Volk“ zu Wort. Der linke schlesische Parlamentarier sorgt für Furore, als er den Reichsverweser Erzherzog Johann von Österreich angreift. Marx zitiert in seinen Werken aus dem Sitzungsprotokoll, hinterlässt aber immer wieder Anmerkungen in Klammern.

Wolff beginnt: Wenn überhaupt eine Proklamation zu erlassen ist, so erlassen Sie eine, in welcher Sie von vornherein den ersten Volksverräter, den Reichsverweser, für vogelfrei erklären.“ (Zuruf: „Zur Ordnung!” – Lebhafter Beifall von den Galerien,) „Ebenso alle Minister.“ (Erneuerte Unruhe.) „Oh, ich lasse mich nicht stören; er ist der erste Volksverräter.“

Präsident: „Ich glaube, daß Herr Wolff jede Rücksicht überschritten und verletzt hat. Er kann den Erzherzog-Reichsverweser vor diesem Hause nicht einen Volksverräter nennen, und ich muß ihn deshalb zur Ordnung rufen. Die Galerien fordre ich gleichzeitig zum letztenmal auf, in der geschehenen Weise an der Debatte sich nicht zu beteiligen.“

Wolff: „Ich für meinen Teil nehme den Ordnungsruf an und erkläre, daß ich die Ordnung habe überschreiten wollen, daß er und seine Minister Verräter sind.“ (Von allen Seiten des Hauses der Zuruf: „Zur Ordnung, das ist pöbelhaft.“)

Präsident: „Ich muß Ihnen das Wort entziehen.“

Wolff: „Gut, ich protestiere; ich habe im Namen des Volks hier sprechen wollen und sagen wollen, wie man im Volke denkt. Ich protestiere gegen jede Proklamation, die in diesem Sinne abgefaßt ist.“ (Große Aufregung.)

Präsident: „Meine Herren, wollen Sie mir einen Augenblick das Wort geben. Meine Herren, der Vorfall, der sich soeben ereignet hat, ist, ich kann es sagen, der erste, seitdem das Parlament hier tagt.“ (Es war in der Tat der erste und der einzige Vorfall in diesem Debattierklub.) „Es hat hier noch kein Redner erklärt, daß er mit Absicht die Ordnung, die Grundlage dieses Hauses, habe verletzen wollen.“ (Schlöffel hatte bei einem ähnlichen Ordnungsruf, in der Sitzung vom 25. April, gesagt: „Ich nehme den Ordnungsruf an und tue es um so lieber, weil ich hoffe, es werde die Zeit bald kommen, in welcher diese Versammlung anderweitig zur Ordnung gerufen wird.“)

„Meine Herren, ich muß tief beklagen, daß Herr Wolff, der kaum erst Mitglied des Hauses geworden ist, in dieser Weise debütiert“ (Reh betrachtet die Sache vom Komödienstandpunkt aus). „Meine Herren! Ich habe den Ordnungsruf gegen ihn ausgesprochen, wegen der starken Verletzung, die er sich erlaubt hat, in betreff der Achtung und der Rücksicht, die wir der Person des Reichsverwesers schuldig sind.“ Siehe hier. (Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 14 S. 465)

Manches klingt nicht ganz unvertraut. Zum guten Ton gehörte der „Volksverräter“ schon damals nicht und die Empörung über das pöbelhafte Verhalten war groß, auch völlig ohne Nazi-Bezüge.

Allein diese Quellen zeigen auf: Die Präsentation und Ernennung des Unwort des Jahres “Volksverräter” ist Propaganda und kein Unwort.

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