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Leonard Cohen – Sänger zwischen Hydra und Hybris

Ein Nachruf

 

Hydra klingt ein wenig nach „Hybris“. Und doch passt beides zum verstorbenen Sänger Leonard Cohen, der am 07.11.16, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von 82 Jahren gestorben ist.

In den 1960er Jahren zog Cohen sich auf die griechische Insel Hydra zurück, er träumte von einem Leben als Schriftsteller. Seiner Vorstellung nach wandelte er auf den Spuren des spanischen Lyrikers Garcia Lorca. Das ist etwa so, als ob jemand, der Scherzgedichte schreibt, sich mit Goethe auf eine Stufe hievt, weil der zuweilen auch mal lustige Verse aus den Ärmeln geschüttelt hat.

Dort schrieb er Romane, etwa: „Beautiful Losers“. Eine wirre Geschichte, die er unter der Einnahme von Amphetaminen ertüftelte und in die eine Dreiecksgeschichte mit dem Leben einer Heiligen aus dem 17. Jahrhundert miteinander verzahnt wird. Das Buch scheiterte sehr erfolgreich, erlebte aber, als Cohen mit seinen Liedern bekannt wurde, einige Verkaufszahlen.

Zu seinem ersten kommerziellen Hit wurde Suzanne. Es ist ein dröges Lied über eine Frau namens Susanne, die eine unterhaltsame Gesellschafterin abgibt und in deren Nähe sich alle Leute pudelwohl fühlen. Irgendwie klingt das nach der Wirkung, die man einnimmt, wenn man Amphetamine schluckt. Die Frau als Flucht aus der grauen Wirklichkeit – nicht wirklich ein originelles Thema. Sein zweiter Hit „Hallelujah“ handelt – überraschenderweise – von einer Frau, aber einer, die einem Mann um seinen Verstand bringt.

Cohen-Fans mögen mich ans Kreuz schlagen, aber das Erfolgsrezept von Cohen ist nicht tiefgründig: Man singe einfach mit Grabesstimme über eine unerreichbare Schönheit, deren Liebe einen aus all den Qualen des Lebens erlösen – oder zumindest verspreche man sich das davon. Und dazu singe man noch etwas über Gott und die Kraft, die einem Glauben schenken kann. Und schwupps – finden sich Millionen von Zuhörer. Und um seiner persönlichen Hydra noch einen weitren Kopf aufzusetzen,  sah er sich in der Nachfolge Lorcas und Bob Dylans.

Cohen war kein Lorca, dazu fehlte ihm die lyrische Begabung, er konnte nicht einmal richtig singen, in seinem besten Liedern, wie Susanne oder Hallelujah, spricht er mehr, als dass er singt. Das ist weder Gesang noch Rap, es ist einfach ein raunenhaftes Vorlesen, wie in der Art, wenn man zusammen am Lagerfeuer sitzt und sich gegenseitig Gruselgeschichten erzählt. Cohen vermochte mit seiner Stimme und den Bildern seiner Texten eine gewisse Schwebe erzeugen, eine gewisse Trance, die einen den Alltag und die Umwelt für einen großen Moment vergessen lassen kann.

Ich gebe zu, diesen Zustand erreicht man durch seine Lieder besser, als durch Amphetamine, insofern ist ein Cohen gesünder als ein Codein, wenn es auch abhängiger macht.

Will man Leonard Cohen loben, dann für die Atmosphäre, die seine Lieder beschwören. Ich jedenfalls fühle mich stets an einen anderen großen Beschwörer erinnert, der aus seinen Texten auch mit einer Grabesstimme zu uns spricht. Ich meine die Kurzgeschichten von Edgar Allen Poe (1809 bis 1849), der Stimmungen zu erzeugen verstand und damit unsere Bilder lenkt, die wir im Kopf sehen. Und wie bei Cohn schreibt Poe gleichfalls über Frauen, die unerreicht sind und Rettung versprächen. Doch  Allen Poe lässt keine Rettung zu. Das Ende mündet immer in Raserei, Ausweglosigkeit und Wahnsinn. Und Cohen? Bei ihm ist Susanne am Ende jemand, die anderen den Spiegel vorhält, in denen sie sich dann selbst betrachten können. Statt Zweisamkeit – betrachtende Distanz. Das ist nicht ganz Poe, aber die Richtung stimmt. Es bleibt ein Gefühl des Nebels, man weiß nicht wo Fuß zu fassen. Hat man sich im Kreise gedreht – oder ist man gar auf der Stelle getreten. Doch für einen unbeschwerten Moment war man abgelenkt, verspüre im Herz vielleicht sogar einen Funken Hoffnung, aber was bleibt davon?

Vielleicht nur die Erkenntnis, dass das nächste Cohn-Lied mehr Antworten bietet. Aber wir können uns bereits jetzt schon denken, dass diese Hoffnung trügen wird.

Im Werk von Leonard Cohen wartet man so vergeblich auf Erlösung. Es mag Zufall sein, dass Cohn auf der Insel Hydra mit seinen Romanen und Gedichten anfing, denn die Hydra, ist, der griechischen Sage nach, ein Ungeheuer mit Tausenden von Köpfen. Schlägt man ihr einen Kopf ab, wachsen ihr sogleich 10 andere nach. Und einer dieser Köpfe war Cohn Wahnvorstellung, der könne für ernsthafte Lyriker, wie Lorca, Konkurrenz bieten. Als der Spanier Juan Ramon Jimenez 1956 den Nobelpreis für Literatur erhielt, wurde mit ihm auch das Spanien geehrt, in dessen lyrischer Tradition er stand. Und eine von diesen Traditionen war  – Lorca! Nachdem Bob Dylan 2016 den Literaturnobelpreis erhalten hat, kann Leonard Cohen nicht einmal mehr mit Dylan Schritthalten.

Leonard Cohen bleibt zwischen Hydra und Hybris gefangen und er war kein Herakles, um sich aus ihren Fängen eigenhändig zu befreien.

Für mich ist Leonard Cohen ein Mensch, dessen Lieder Sehnsucht nach Flucht, Freiheit und Flausen ausdrücken. Flausen, weil er tief in seinem Inneren ein ewiges Kind geblieben ist.

Dazu passt auch sein letztes Album mit dem Titel: „You want it darker“. Das sind Worte aus dem Kaddisch, dem jüdischen Trauergebet. Darin werden Gott und seine Herrlichkeit gepriesen. Auch hier wieder eine Flucht zum unnahbaren Wesen. Gott als das letzte Amphetamin, das aus allem Elend befreit. Und als Lösung wirklich aller Probleme: ein ewiges Preisen seines Namens. Versprachen die unnahbaren Frauen, wie Suzanne, wenigstens noch einen Hauch körperlicher Berührung, ist Gott reiner Mythos, ein Amphetamin, der ewig halten soll. Ich will nicht wissen, was das für einen Kater – nach dem Ende aller Zeiten – geben wird. Aber Leonard Cohen wird ihn erleben – oder glaubt es zumindest. Das sind kindliche Vorstellungen, die bei einem Mann über 80 Jahren lächerlich wirken.

Kurz vor seinem Tod meinte Cohn, er sei bereit, zu sterben. Mir kommt er wie ein Suchender vor, der nie wirklich gelebt hat, der es immer nur wollte, irgendwann, wenn er keine Amphetamine gebraucht hätte. Dieses Stadium hat er aber nie überwunden, dazu war zu wenig Herakles.

Für mich ist Cohens Werk ein ständiges Ende, das immer wieder neu erprobt wird. Überspitzt könnte man sagen, Cohens Werk war immer das Ende eines beginnenden Anfangs. Um ein bekanntes Zitat von Shakespeare frei zu interpretieren.

Mögen sich zukünftige Liederschreiber und Sänger ein abschreckendes Beispiel an ihm nehmen, so zart und träumerisch seine Lieder auch sein mögen.

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/pop/tod-eines-ladies-mannes-nachruf-auf-leonard-cohen-14523745.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Federico_Garc%C3%ADa_Lorca

https://de.wikipedia.org/wiki/Edgar_Allan_Poe

https://de.wikipedia.org/wiki/Herakles

https://de.wikipedia.org/wiki/Juan_Ram%C3%B3n_Jim%C3%A9nez

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/literaturnobelpreis-2016-fuer-bob-dylan-ist-schoene-ueberraschung-14479458.html

https://de.wikipedia.org/wiki/William_Shakespeare

 

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