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Oswald Spengler, der Kulturrelativist

Über die  „Jahre der Entscheidung – Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung“ und mehr

von Tanja Krienen

Mit einem Schlagwort ist der 1880 In Blankenburg am Harz geborene und 1936 in München verstorbene Oswald Spengler schwer zu charakterisieren. Ein Nationalsozialist war er sicher nicht. Vielleicht ein Faschist? Mussolini erschien ihm jedenfalls als größtes zeitgenössisches Ideal. Oder war er, der Sohn eines Postbeamten, einfach nur ein am klassischen Preußentum orientierter, ein Überbleibsel einer verflossenen Ära, ein „letzter Preuße“ sozusagen? Mag sein, er war am Ende nur ein etwas verpeilter Geschichtsphilosoph und Kulturhistoriker, dessen Methodik unscharf blieb. Von einer Rätselhaftigkeit oder einem gewissen kryptischen Raunen weit entfernt, bleibt er „bäuerlich“ (für ihn geradezu ein Lob), einfach gehalten, undialektisch, jedoch in vielen Einzelfragen mit treffenden Schilderungen ein tiefes Verständnis für die Psychologie der Ereignisse beweisend.

Eine ganze Reihe von Aussagen in seinem 1933 erschienenen, aber eigentlich 1932 geschriebenen Buch „Jahre der Entscheidung – Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung“ laufen als tagespolitische Spekulationen ins Leere. Man möchte sagen: das kommt davon, wenn man sich zu sehr in der Kommentierung der laufend und rasch ändernde Gegenwart an kurzschlussartigen Strategiespielen beschäftigt. Aber das greift zu kurz, denn immer wieder gelingen ihm auch Abrisse kulturhistorischer Ereignisse, sowie Fortschreibungen beginnender Entwicklungen, die vom heutigen Standort aus verblüffend treffen. Spenglers Denken steht auf traditionellen Füßen. Diese Füße sind, im übertragenen Sinne bäuerlich, breit, fest und ohne formell zugelassenen Widerspruch, obwohl davon strotzend, aber dazu später. Vor allem aber denkt er und proklamiert dies überdeutet antirational, wobei der apodiktische Ton am wenigsten stört. Den Rationalismus hasst er und dieser Hass ist es, den seine Methode so unzulänglich macht. Wer das verstandesgemäße Denken so ablehnt wie er, wie kann der ordentlich einen Gedanken von Gehalt zu Ende denken? Und doch: es funktioniert überraschend oft! Zufall oder nicht. Aber als Manko einer Rechten, die den Willen als überlegenen Aspekt für die Geschichte über alles setzt, stößt er an jene Grenzen, die „rechtes“ Gedankengut bestenfalls als intuitive Anregung, nicht aber als ein Konzept von Tragweite empfinden und bewerten lässt. Zu einer Anleitung für eine „konservative Revolution“ reicht es jedenfalls – nicht zuletzt auf Grund der fehlenden Methodik – nicht.

Spengler ist so etwas wie der Erfinder des dualen Systems, zumindest in der Polit-Philosophie. Für ihn existieren nur zwei Arten von Kategorien: das Bäuerliche und das Städtische; das Urbane und letztlich vitale, welches nur Fakten durch die Macht und den Krieg schafft, durch „die wirkliche Geschichte mit ihrem mitleidslosen Schritt durch die Jahrhunderte“, und anderseits das Großstädtische, dem Rationalen und Intellektuellem entgegenstehend, im dem er – und er belegt das mit durchaus überzeugenden Beispielen – den Charakter der Unterwelt erblickt. Mehr noch, er weist nach, dass die Unterwelt und das sozialistische Prinzip im Grunde nach denselben Spielregeln funktionieren. Doch wie immer fehlt es an der Dialektik, an der Abwägung, an der Suche nach Ausnahmen, Facetten und Besonderheiten. Schon gar nicht wird nach Fehlern der „bäuerlichen Art“ gesucht oder reflektiert, welchen Anteil am konstatierten Niedergang sie für sich reklamieren könnte. Für ihn zählt „das blutvolle  Denken der Vergangenheit und die Weisheit alter Bauerngeschlechter“, die er in absolutem Gegensatz zum „Hochmut des städtischen, entwurzelten, von keinem starken Instinkt mehr geleiteten Geistes“ sieht, zumal: nichts ist nach Spengler dümmer als „die wurzellose städtische Intelligenz“, die in „deutschen Gelehrtenstuben“ als „reine Vernunft“ der „Besserwisser“ „elementare Tatsachen der Geschichte“ verachte und ein „flache(r) Optimismus der Bildungsphilister“ sei. „Der Mensch ist ein Raubtier“ und nur Mussolini entspräche den Anforderungen, zumal: „er regiert wirklich allein“ (was nun wahrlich sachlich nicht richtig ist), „eiskalt“ und habe die nötige „überlegende Rücksichtslosigkeit“. Er schließt: „Wahrscheinlich wäre sein Vorbild Lenin das auch geworden, wenn er länger gelebt hätte“. Strasser lässt grüßen und immerhin war es diese anklingende „Querfront“-Mentalität, die in ab 1934 nach dem „Röhm-Putsch“ in einen unversöhnlichen Gegensatz brachte. Nicht zuletzt auch, weil er den Antisemitismus verurteilte und auch darum aus dem Vorstand des Nietzsche-Archivs ausschied.

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Den „Fortschritt der Menschheit“ bestreitet Spengler energisch und höhnt: „Wer daran zweifelt, ist beschränkt, ein Reaktionär, ein Ketzer, vor allem ein Mensch ohne demokratische Tugend: aus dem Wege mit ihm!“ Tatsächlich wird ein Mensch mit Realitätssinn abseits optimistischer und versimpelter Sichtweisen bis heute in dieser Weise abgestraft, beschimpft und selektiert. Nicht richtig ist, dass der Reaktionär, so er dies denkt, auch richtig liegt. Treffend aber ist dagegen die Aussage: „Sie hassen den, der sie feststellt, und heißen ihn einen Pessimisten“. Und doch: wäre es nicht die Pflicht eines Historikers Vorschläge zur Verbesserung auf seinem Kampffeld, der Schrift, vorzulegen? Gern auch kühl durchdacht, aber doch auch auf festem Fundament von nachvollziehbaren und objektiven Gründen, Kriterien benennend, schreibend über Ethik, Wissenschaft, zivile Standards, Habitus, Mode, Kultur und Ethik. Personen wie Thomas Mann oder Adorno haben Spengler positiv rezipiert, da sie in seinen Aussagen den Zerfall und Verfall der Gesellschaft wiederfanden. Tatsächlich irren sie in ihrem Urteil nicht, denn es gibt eine Fülle von Beschreibungen, Aussagen, Voraussagen, die seismographisch jene herrschenden Schwingungen des Niedergangs wiedergeben, die wir heute auch ohne ein besonderes Naturtalent für das Feingefühl wahrnehmen. Doch echte Ursache-Wirkungsprinzipien vermag der Seismograph Spengler nicht aufzuzeigen, weil er bewusst auf die Kategorie des kritischen Geistes verzichtet und sämtliche modernen Prinzipien des Intellektuellen verachtet und negiert. Es gibt also einen Unterschied zwischen Tenochtitlan um 1500 oder London um 1900, keinen zwischen Rom im Jahre 0 und Berlin im Jahre 1913?! Den Zug ins „Große Ganze“ bestreitend, in den Stufen von der Urgesellschaft über die Sklavenhalterordnung, den Feudalismus bis hin zum Kapitalismus keinen Fortschritt sehen und das an keinem Charakteristikum festmachen zu wollen, bedeutet keinen Plan für irgendein Ziel entwerfen zu können.

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Fragmentarische Abrisse werfen allerdings ein grelles Licht auf Istzustände, die in ihrer Beschreibung den ganzen Charakter einer niedergehenden Epoche skizzieren. Bisweilen fallen Wiedersprüche auf, weil er, der z.B. die Bebel-Arbeiter ob ihrer preußischen Disziplin heroisiert oder den Kompass innerhalb seiner Tiraden neu ausrichtet. Auch wenn er über den geringen Lohn schwarzer Arbeiter lamentiert wie ein Vertreter der Bewegung bunter Hungertücher, dabei Marx scharf angreifend, weil dieser angeblich die Kolonialpolitik schön redete, obwohl er, Spengler, kurz zuvor noch die „politischen Löhne“ in Grund und Boden schrieb, greift er überraschend auf eine egalitäre Sichtweise zurück. Die von ihm kurz nach dem Krieg beschriebene Allianz zwischen Preußentum und Sozialismus (den er nicht mit dem Marxismus gleichsetzt) blitzt wider besseres Wissen um die realen Zustände an solchen Stellen auf. Manches ist nachvollziehbar, anderes bleibt eklektizistisch ohne sich in ein logisches, bzw. systematisches Denkgebäude einzufügen, so, wenn er zurecht mit einem Blick auf die Vereinigten Staaten fragt: „Aber wieviel Einwohner des Landes gehören diesem herrschenden angelsächsischen Typus innerlich überhaupt nicht an?…Sie sind zum großen Teil nicht mehr im Amerikanertum aufgegangen und bilden ein fremdartiges, andersdenkendes und sehr fruchtbares Proletariat.“ Diese guten Traditionen werden jedoch kaum konkretisiert, zumal sie überwiegend nicht bäuerlicher, sondern bürgerlicher Natur sein dürften, denn schuld ist immer nur das „entwurzelte Volkstum() das dem bäuerlichen Land entzogen wird“. Nun steht es nach Spengler so: „Aus jeder Gesellschaft sinken beständig entartete Elemente nach unten, verbrauchte Familien, heruntergekommene Glieder hochgezüchteter Geschlechter, Mißratene und Minderwertige an Seele und Leib – man sehe sich nur einmal die Gestalten in diesen Versammlungen an, Kneipen, Umzügen und Krawallen an; irgendwie sind sie alle Mißgeburten, Leute, die statt tüchtiger Rasse im Leib nur noch Rechthaberei und Rache für ihr verfehltes Leben im Kopfe haben, und an denen der Mund der wichtigste Körperteil ist. Es ist die Hefe der großen Städte, der eigentliche Pöbel, die Unterwelt in jedem Sinne, die sich überall im bewussten Gegensatz zur großen und vornehmen Welt bildet und im Haß gegen sie vereint: politische und literarische Boheme, verkommener Adel…gescheiterte Akademiker, Abenteuer und Spekulanten, Verbrecher und Dirnen, Tagediebe, Schwachsinnige, untermischt mit ein paar traurigen für irgendwelche abstrakten Ideale. Ein verschwommenes Rachegefühl für irgendein Pech, das ihnen das Leben verdarb, die Abwesenheit aller Instinkte für Ehre und Pflicht und ein hemmungsloser Durst nach Geld ohne Arbeit und Rechten ohne Pflichten führen sie zusammen. Aus diesem Dunstkreis gehen die Tageshelden der Pöbelbewegungen und radikalen Parteien hervor. Hier erhält das Wort Freiheit den blutigen Sinn sinkender Zeiten. Die Freiheit von den Bedingungen der Kultur ist gemeint….Aber dazu kommt die ungeheure Menge der geistig, seelisch und leiblich Unnormalen jeder Art, der Hysterischen, Seelen – und Nervenkranken, die gesunde Kinder weder zeugen noch gebären können…Aus solchem Nachwuchs entwickeln sich das revolutionäre Proletariat mit dem Haß der Schlechtweggekommenen, und der Salonbolschewismus der Ästheten und Literaten, die den Reiz solcher Seelenverfassungen genießen und verkünden.“ Hoffnung wächst nicht nach, „nachdem man jeden Instinkt für vornehmes Leben und Empfinden verloren hat und die öffentlichen Manieren aller „Klassen“ und „Parteien“ gleich pöbelhaft geworden sind.“ Und daraus soll uns das Bäuerliche retten? Das Hinterwäldnerische der Hinterweltler!? Nietzsche dachte darüber anders, wenngleich nicht unterschlagen werden soll, dass die „echte Aristokratie“ der „Plantagenbesitzer“, wie Spengler sie nennt, man könnte in diesem Zusammenhang auch die großen Farmer in den USA nennen, in ihrer Spitze an einem Ideal kratzen, das Moderne und Tradition versöhnen, resp. vereinen. Doch die lang zitierte Passage zeigt, wie nah er partiell der Wahrheit kommt (9 von 10 RTL-Sendungen belegen das) und wie bedauerlich es ist, wenn man sieht dass er zum Sprung ansetzt, um dann doch als Kopffüßler zu enden.

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Alles Nicht-Weiße fasst Spengler unter „farbig“, dem verwandten Begriff von „bunt“, zusammen. Der Rassebegriff der Nazis erschien ihm zu eng definiert, denn als „Rasse“ etikettiert er generell das Starke, nicht das reine. Auch der integrierte Fremde vermag ein Anführer zu sein. „Das Barbarentum ist das, was ich starke Rasse nenne“, und: „Ich wiederhole: Rasse, die man hat, nicht eine Rasse, zu der man gehört. Das ist Ethos, das andere – Zoologie“, sowie: „Wer zuviel von Rasse spricht, der hat keine mehr. Es kommt nicht auf die reine, sondern auf die starke Rasse an, die ein Volk in sich hat“. Es sei ein Fakt, dass seit „Jahrtausenden alle Stämme und Arten sich gemischt haben, und dass gerade alle kriegerische, also gesunde, zukunftsreiche Geschlechter von jeher gern einen Fremden sich eingegliedert haben, wenn er „von Rasse“ war, gleichviel zu welcher Rasse er gehörte. Ein Lob von Multikulti? Kulturrelativismus? Ausgerechnet bei Spengler? Die Herkunft spielt keine Rolle, solange das Individuum nur barbarisch genug sei? Na prima, dann ist ja alles in Ordnung. Oder? Ist vielleicht sogar sein Schlagwort vom „Untergang des Abendlandes“ ein Missverständnis? Wohl möglich, ziemlich sicher sogar. Zumal er selbst meinte, er habe auch statt „Untergang“ „Vollendung“ sagen können. Der Mann war kein Philologe, doch jeder Achtklässler sollte den Unterschied zwischen Untergang und Vollendung definieren können.  Letztlich, so Spengler, leben wir nur in einer der acht Hochkulturen die allesamt gleichwertig gewesen seien – nur zu verschiedenen Zeiten. Es klingt da die „identitäre  Überzeugung“ an: Hauptsache „identitär“, du hier, ich dort, du damals, ich jetzt, warum und weshalb spielt eine geringe Rolle, zumal alles gleich ist. „Wer Geschichte nicht erlebt, wie sie wirklich ist, nämlich tragisch, vom Schicksal durchweht, vor dem Auge der Nützlichkeitsanbeter ohne Sinn, Ziel und Moral, der ist auch nicht imstande, Geschichte zu machen“, raunt er in „Jahre der Entscheidungen“. Umgekehrt aber passt der Schuh: wer keinen Sinn, kein Ziel und keine Moral sehen will, der hat auch keine und hat auch nichts zu sagen! André Malraux sagte 1974: „Spenglers enormer Beitrag zur Geistesgeschichte war, daß er – eine Idee Goethes wiederaufnehmend – die Zivilisationen wie Pflanzen oder Tierarten betrachtete. Sie waren das, was er Organismen nannte. Demzufolge besitzt jede Zivilisation ihre Jugend, ihre Reife und ihren Untergang, besitzt also ein Schicksal. Jede Kultur endet auf analoge Weise…“ (Die ZEIT, 7.9.1984) Na prima, wir kommen und gehen, wie, was und warum ist einerlei. Wir leben quasi auf vegetativem Niveau. Alle atmen für Jahre die Lebendigkeit des Krieges und der Blüte. Was solls? Das Abendland ist nur eine Kultur von vielen und es lässt sich nicht begründen was an ihm ein Fortschritt sein soll. Wundert man sich, warum das, was als „Marxismus“ bekannt ist und die Welt beherrscht, erfolgreicher ist?

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Oswald Spengler schneidet in dieser Besprechung wohl schlechter ab, als er es verdient, weil hier überwiegend seine Unzulänglichkeiten im Blickpunkt stehen, die in Hinsicht auf ein brauchbares Instrumentarium für die heutige Zeit zu wünschen übrig lassen. Gibt man sich mit treffenden Einzelaussagen zufrieden, mit eklektisch hingeworfenen Augenblicksbeschreibungen oder mit Miniaturen der Respektlosigkeit gegen den Zeitgeist, so wird der geneigte Leser fündig und sollte sich nicht abschrecken lassen. Denn nur die eigene Fähigkeit dialektisch zu denken, bringt ans Licht, was uns der Autor methodisch nicht präsentiert.

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One comment on “Oswald Spengler, der Kulturrelativist
  1. Dieser wirklich übertrieben in Spenglers Negation verkehrte Text, suggeriert einen Literaten, der so nicht der Autor eines der wohl bekanntesten Werke der Weltliteratur gewesen sein kann. Spengler war definitiv kein Kulturrelativist. Im Gegenteil sogar. Wer „Untergang des Abendlandes“ gelesen hat, wird sehr schnell auf die These stoßen, dass die Welt eben nur aus der Kultur heraus betrachtet werden kann. Spengler relativiert die Kulturen nicht, sondern er hebt sie deutlich als einzelne Erscheinungen hervor. Dabei macht er – hingegen vieler seiner sich selbst als geistig-intellektuelle Nachfolger bezeichnenden „Neurechten“ – deutlich, dass „alles Geschehen einmalig ist und nie sich wiederholend“ (etwas abgewandeltes Zitat aus Untergang des Abendlandes, S .129).
    Im selben Werk wird auch deutlich, warum Spengler – zugegebenermaßen – die rein rationale (vielleicht sogar rationalistische) pseudointellektuelle Geschichtsauffassung oder Betrachtung der Welt als Irrweg versteht. Sie (die Geschichte) „wissenschaftlich behandeln wollen ist im letzten Grunde immer etwas Widerspruchvolles (…) Der geschichtliche Blick aber, der von hier erst ausgeht, gehört ins Reich der Bedeutungen, wo nicht richtig und falsch, sondern flach und tief die maßgebenden Worte sind“ (ebd. S.131).
    Allein die Natur soll wissenschaftlich behandelt werden. Die Geschichte allerdings kann nicht wissenschaftlich aufgefasst werden, eben weil sie aus der kulturellen Perspektive betrachtet immer unikal sein muss. Das allerdings ist kein Kulturrelativismus, sondern genau das Gegenteil dessen. Denn Spengler bezeichnet jede der uns bekannten Hochkulturen als einzigartig. Ein abendländischer Mensch wird den antiken Hellenen, die Bauten der Tempel und Stätten nicht begreifen können. Ähnlich die ägyptischen Dynastien, die sich durch ihre Konsequenz – den Weg unaufhaltsam zu beschreiten, den man einmal gewählt hat – auszeichnet. Allein durch die Auffassung der Zeit und damit auch der Geschichte, d.h. allem Vergangenem, allem Geschehenen, ist in den unterschiedlichen Kulturen so different. Diese Erkenntnis hat Spengler eindeutig in seinem Hauptwerk hervorgehoben.
    In „Jahre der Entscheidung“ führt er keine Abhandlung über ein strategisches Konzept oder dergleichen aus. Das war und kann auch nicht seine Intention gewesen sein. Es ist ein Abgesang gegen den Hochmut der Zeit, die längst dem Untergang verschrieben war. Ich weiß, dass die Thesen Spenglers zum Fatalismus verführen, doch kann dies nicht sein Ziel gewesen sein. Lediglich das Aufzeigen, dass jede Kultur irgendwann sein Ende findet – was wir obendrein heute auch par excellence beobachten können – kann hierbei die Motivation des Autors gewesen sein. Und er hat recht! Die Verstädterung, die früher oder später eintritt, die zunehmende Zivilisierung (d.h. Emanzipation vom eigentlich Kulturellen) ist bestimmt und führt zur Auflösung. In dieser These stützt ihn u.a. Konrad Lorenz, der der Vermassung oder „Übervölkerung“ (2. Todsünde der zivilisierten Menschheit) einen „großen Teil der Schuld daran“ gibt, „wenn wir in der Phantasmagorie der ewig wechselnden, einander überlagernden und verwischenden Menschenbilder das Antlitz des Nächsten nicht mehr zu erblicken vermögen“ (Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, S. 20).
    Es mag sein, dass Spengler, ähnlich vielen anderen sog. „konservativen Revolutionären“, die ethnische Komponente zu wenig berücksichtigt, wenn er von Rasse spricht. Gleiches gilt ja auch für Ernst Jünger. Wenn dieser in seinem „Arbeiter“ von Rasse sprach, dann meinte er vielmehr einen gewissen Menschentypus, der von der biologischen Determinante völlig entkoppelt sei. Bei Jünger wie auch bei anderen der sog. „konservativen Revolution“ zugeschriebenen Denkern und Intellektuellen mag die Leugnung der biologischen Determinante tatsächlich auch der Wahrheit entsprechen. Bei Spengler hingegen nicht. Er setzt die „biologische Rasse“ zwar nicht als „historisches Subjekt“ (Alexander Dugin) in das Zentrum seiner Weltanschauung, doch leugnet er die naturgesetzlich vorhandene Biologie des Menschen oder der Rasse nicht. Ich bitte auch darum exakt aufzuzeigen, dass Spengler eklektizistisch gewesen sei. In welcher Phase seiner Denkweise war er das?
    Nun zum „Fortschrittsgedanken“. Es ist ein Unterschied, ob jemand den Fortschritt als historisches Subjekt ablehnt oder ob dieser die Weiterentwicklung menschlicher Erzeugnisse (ganz gleich auf welcher Ebene) leugnet. Denn zweites kann ich nicht in den Ausführungen Spenglers erkennen. Sicherlich mag das oberflächlich betrachtet so verstanden werden. Dennoch sehe ich in Spenglers Worten die Ablehnung dieses Fortschrittgedankens, d.h. die Sichtweise, dass der Mensch sich stetig zum Positiven weiterentwickelt. Das tut er de facto nicht. Ich würde es nicht als apriorisch bezeichnen, aber wir können die Tatsache, dass der sog. „Fortschritt“ ausschließlich positive Erscheinungen aufweist, durchaus problemlos anhand einfacher Beobachtungen der heutigen Zeit deduzieren. Zu dem Hochmut des Zeitgeistes gehört u.a. die These der Mensch entwickle sich stetig weiter und das sei auch gut so. Das dem Kapitalismus immanente Wachstumsstreben ist nur ein Paradebeispiel für eben diesen Zeitgeist.
    Letztlich bewahrheitete sich Spenglers Vorhersage, dass es „in wenigen Jahrhunderten keine westeuropäische Kultur, keinen Deutschen, Engländer, Franzosen mehr geben“ wird, „wie es zur Zeit Justinians keinen Römer mehr gab.“ Das hat sicherlich Gründe. Neben der Überfremdung, die zudem nur eine Auswirkung des eigentlichen Problems ist, haben wir den allgemeinen Kulturverfall, die Dekadenz des auch oder sogar besonders des autochthonen Deutschen. Die Ursache ist klar der Liberalismus, der früher oder später zum „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) führen wird, wenn sich nicht ein oder mehrere Gegenpole herausheben. Die europäischen Völker existieren zwar noch. Sie sind jedoch leider nur noch ein Skelett, ein Überbleibsel alter großer und bewundernswerter Kulturen. Sie sind nicht mehr das, was sie einst waren. Es ist besonders an der heutigen „Rechten“ zu sehen, die das Erbe Europas zu einem großen Teil auf die Zeit nach 1789 reduziert. Hört man sich so manchen „rechten“ Politiker und Rhetor in Europa an, hat man das Gefühl, die europäische Geschichte beginnt erst mit dem Sturm auf die Bastille. So weit ist es mittlerweile gekommen. Nach Ernst Nolte haben wir es mit einer allgemeinen Transzendenz zu tun, die sich gegenüber dem Faschismus durchgesetzt hat.
    Es mag paradox klingen. Doch glaube ich eben der Erkenntnisse Spenglers wegen, dass wir die Möglichkeit der Fortführung eines gewissen Typus oder besser Geistes haben. Europa als solches wird nicht untergehen. Aber dafür seine uns heute noch bekannten Völker. D.h. nicht, dass es nicht auch möglich ist, dass sich kulturelle Erzeugnisse, Bräuche, Traditionen erhalten können, die den europäischen Menschenschlag ausmachen. Doch werden diese de facto nicht in ihrer jetzigen Form erhalten werden, geschweige denn in alter Weise zurückkehren können.

    Ich schließe meinen Kommentar mit Spenglers nicht zu verachtenden Worten: „Tatsachen ‚stehen fest‘, auch wenn wir sie nicht kennen.“ (Untergang des Abendlandes, S. 201)

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