Die deutsche Katzensage

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von Hagen Ernst:

Putzig, niedlich. Das schwarze Wollknäul richtete sich auf, um Mutters Zitze zu finden. Nach einer nahezu übernatürlichen Anstrengung, des Aufrichtens, des nach oben Schauens, schaffte es der vierbeinige neue Erdenbewohner in die richtige Richtung zu torkeln. Mit letzter Kraft nahm er sich, was angeboten wurde. Die Aufbaunahrung, das wusste er instinktiv, gab es nicht umsonst. Doch was es kosten würde, konnte er nicht erahnen. Max, so nannten ihn die umstehenden, hatte bereits vor seiner Geburt die kommenden Aufgaben auf die noch nicht entwickelte Schulter aufgetragen bekommen. Und je mehr er heranwuchs, je mehr wurde er darauf vorbereitet. Denn irgendwann musste er Freund sein. Und Kämpfer. Und Vermittler. Und vor allem treu, worauf er schwor.

Max wuchs also heran. Er blühte regelrecht auf, wurde er doch gefüttert, wurde ihm doch beigebracht, wie er sein eigenes Fressen fangen konnte. Im Spiel balgte er sich mit den anderen, die sich über seine wachsenden Kräfte freuten.

Doch mitten im Spiel kamen seine Freunde zu ihm und erklärten ihm die Ehre, die ihm zuteil werden würde. Er verstand, dass er in ihrer Schuld stünde. Denn ohne diese Familie hätte er kaum überlebt. So stellte er keine Fragen, weder sich selbst noch den anderen. Nicht einmal, als seine Truppe loszog, um neue Territorien zu erkunden. Erkunden, sagten sie – und meinten in anderen Katzenarealen für Unruhe zu sorgen. Erkunden, sagten sie – und meinten das Abschlachten der Mäuse und Ratten, damit die Nachbarskatzen vor Hunger gequält bei ihnen bettelten. Um dann wiederum von seiner Sippe ausgelacht und gekratzt zu werden.

Grausam sei die Natur, sagten sie. Max, grausam, gewaltbereit, kriegerisch; seien die anderen. Man selber wolle nur in Frieden leben. Und man wolle alle Katzenterritorien miteinander vereinen. Jede Sippe sollte in einer Union der Katzen sein Heil finden, um so ewigen Frieden zu finden. Und die, die außerhalb dieser Gemeinschaft lebten, jene Streuner also, seien es nicht Wert aufgenommen zu werden. Ja, diese Katzenbilder seien die Gewalttäter. Max verstand es und war mit ausgefahrenen Krallen auf der Hut.

So kämpfte er für seine Sippe und erlernte den Katzenjammer. Darin war er besonders gut, konnte in jedes Katzenohr eindringen. Und wenn er sich geschickt anstellte, konnte er jammern, so das die Gefolgschaft sich mit ihm erbarmte, mit ihm leidete. Und schließlich für ihn in den großen Krieg ziehen wollte.

Die Jahre vergingen. Durch die unkontrollierte Jagd und der Übernahme der Nachbarschaftsterritorien gab es weniger Fressen. Die großen Happen blieben den Anführern der Sippe. Die alten, weniger ansehnlichen den Kriegern. Und der Rest wurde den Alten zu Fraß vorgeworfen.

Jahre später, Max war längst als Kriegsheld zurückgetreten und ermüdet, krabbelte es ihm den Rücken entlang. Sein Ziehvater war nun einer der Alten, an den er sich wand. Die trüben Augen sahen sofort, was den Kater antrieb, um den alten Herren aufzusuchen. „Mein Gebiss,“ schrie jener, „du hast Flöhe!“ Max schüttelte sich, aber sie fielen nicht ab. Er war sich sicher, dass die Natur ihre Gründe für diesen Flohbefall hätte und so sprach er beim Flohexperten vor. Dieser erklärte ihm, dass die Flöhe nur vorübergehend in seinem Fell seien. Und, mit ein wenig Zuwendung seinerseits, ihm nicht schaden würden. Im Gegenteil. Diese Flohwanderung sei nur gut für ihn. Nahezu unmerklich war der Flohexperte vier fünf Tatzen zurückgegangen, so das er weit genug entfernt für einen Flohsprung von Max Rücken stand. Und er zeigte Max auf, wie schlecht es die Flöhe hätten. Ohne Futter, Wärme und Zuneigung. Verschwieg jedoch, dass die Flöhe kaum noch andere Katzen hätten bespringen können. Waren doch im Umfeld bereits alle Katzen durch Katzentatzen gestorben oder verjagt worden. Auch verschwieg er, das Flöhen Katzenblut schmecke und ihre Eier im dichten Fell ablegen würden. Groß miaute er aber, dass man auch Flöhen ein zuhause bieten solle, sie annehmen und fördern solle. Was Max auch tat. Die blutige Religion unter seiner Haut schmerzte zwar ab und zu, aber, so dachte er, da muss man durch. So ging es Tag für Tag. Und mit jedem Biss verlor Max Kraft und Haare. Auch die Zecken nisteten sich auf Max Rücken ein und übernahmen die Seitenflächen sowie die Beine und den Bauch. Kein Wunder, dass nur wenige Wochen später unser Held erste Haarbüschel verlor, woraufhin die Flöhe und Zecken Streit bekamen. So solle Max endlich wieder für neue Haare sorgen, wurde ihm ins Ohr geflüstert. Und dann aber bitte die richtigen. Diese seien wichtig um das Flohzirkuszelt aufzurichten, meinten die Föhe. Die Zecken wünschten sich wiederum ein weniger dichtes Fell. Und er möge sich, wenn er schon dabei sei, um eine bessere Versorgung kümmern. Das Blut sei irgendwie nicht mehr so nahrhaft, seit er nur noch den Restfraß der anderen bekäme. Und überhaupt, müsse sich das Wirtstier doch besser um seine Gäste kümmern. Die Forderungsliste vom Getier wurde länger und länger. Zumal, was dem einen Recht und Billig war, entzündete bei dem anderen Hass und Gewalt.

Nun erst fiel es Max auf, die anderen Katzen seiner Sippe kamen kaum noch näher als 7 Tatzen heran. Und stupsen wollte auch niemand mehr.

Er bäumte sich auf, und fiel nieder. Noch einmal versuchte er sich aufzubäumen und spürte die Flohbisse millionenfach. Er fiel und jammerte. Bis er schließlich in sich zusammensackte und erkannte: Es waren zu viele Flöhe, zu viele Zecken und zu viele andere Widerlinge auf ihm, die ihn aussaugten., auf das er sich noch wehren konnte. Es waren zu viele falsche Freunde, denen er sein Leben schwor. Es war eine falsche Sippe, für die er kämpfte. Und er begriff, er stirbt allein, mit einem Pelz voller Flöhe und Zecken, die nach seinem Tode weiterreisen würden, um den nächsten Wirt auszusaugen. Die nächste Katze, so wurd’ ihm im letzten Atemzug bewusst, ereilt das gleiche Schicksal. Aufgezogen von falschen Freunden, ernährt vom eigentlichen Feind und Niedergestreckt von den Schwächsten die das Umfeld bietet.

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