Ohne Moos nix los!


Eine offene Antwort an Wolfgang Luley

Sehr geehrter Herr Kollege!

Ich weiss nicht, ob es sich gehört, auf einen offenen Brief, öffentlich zu antworten. Doch ich denke, nach unseren veröffentlichten Gesprächen, hat auch hier unser Leser das Recht, meine Antwort zu lesen.

Ich stimme Ihnen zu, dass wir nicht die Jury gewählt haben, die sich entschloss “Lügenpresse” zum Unwort 2015 zu küren. Doch welche Jury wählt man schon? Die von DSDS und Supertalent? Nein, selbst die Jury des Sozialtrolls, zu der Sie und ich angehören, wurde nicht gewählt. Die Jury hat auch keinen Anspruch demokratisch zu sein, auch wenn sie, so die Selbstdarstellung, aus Einsendungen ihren Favoriten auswählt. So gesehen hätte auch “Wir sind das Volk” das Unwort werden können, was der Politelite noch mehr genehm gewesen wäre. Doch diese Jury ist, trotz aller medialer Begleitung, keine Sprachpolizei. Da machen mir die behördlichen Vorgaben mehr Bange!

Der Vorwurf, Lügenpresse sei ein Naziwort, wurde bereits von mir und anderen entkräftet, da belegbar ist, dass schon im I. Weltkrieg diese Komposition genutzt wurde. Mehr noch, auch KPD-Anhänger nutzten in Wahlkämpfen dieses und ähnliche Worte. Und auch damals hatte man Recht! Denn auch in den 1920 und 1930er Jahren war nicht jedes Presseerzeugnis, nicht jeder Redakteur politisch oder wirtschaftlich frei. Wie heute mischte sich Politik und Wirtschaft ein, um Meinungen zu forcieren. Ein Widerspruch zum Auftrage der Medien, wie wir ihn verstehen. Dennoch so alt, wie die Medien selbst. Immer gibt es einen Entscheider, der sagt was publiziert werden soll. Mal sind es Mitstreiter von Glaubensrichtungen, mal Politiker und mal einfach nur jene die die Publikation zahlen.

Dass Sie eine andere Erfahrung beim Preussischen Anzeiger machen dürfen, da dieses Medium für freie Meinungsfindung, freie Meinungsäußerung eintritt ist ein positiver Ansatz. Doch noch heute unterschreiben Journalisten beim Axel-Springer-Verlag Einschränkungen ihrer Arbeit. Man fühlt sich dort Amerika und Israel verpflichtet – und nicht der Aufklärung! Das muss jedoch jeder Journalist, jeder Redakteur selbst entscheiden. So wie auch jeder Buchautor selbst entscheiden muss, wie weit Verlage das jeweilige Manuskript verändern dürfen.

Sie sind der Meinung, ich hätte nicht tief genug gegraben, nicht vollständig kritisiert. Auf dem ersten Blick mag es stimmen. Unser fester Leserstamm hingegen, davon gehe ich aus, kennt meine grundsätzliche Einstellung und hat weiter gedacht. Neue Leser hingegen können nun, auf diesen Seiten, mittlerweile in fast 1000 Beiträgen, rechnet man den Pruzzenblog hinzu auf über 5000 Beiträgen, selbst recherchieren. Wir müssen unseren Lesern nicht alles abnehmen. Wir wollen die Leser und uns erziehen – zum Selbst – denken – nachdenken. Etwas das wir in der BRD- und DDR- Zeit verlernt haben. Wir können hier täglich, sogar mehrfach, unsere Meinung wiedergeben, wir veröffentlichen unbequeme Nachrichten; auch ohne persönlicher Meinungsuntermauerung. Der Preußische Anzeiger setzt sich aus Nachrichten, Meinungen, Kommentare zusammen, und das ist “gut so”!

Sie betonten in dem offenen Brief, der an mich adressiert war, aber vor allem jene Sprachjury betrifft, dass diese wenigen Menschen versuchen, Nutzer der Unwörter auszugrenzen, da man über die Wahl der Wörter Schandzeichen setzt. Auch hier fordere ich Sie und unsere Leser, aber auch die Leser anderer Publikationen und unsere Kollegen auf: Lassen Sie dies nicht zu! Kein Wort ist ein Schandfleck! Jedes Wort ist neutral – das was wir mit jenen Wörtern verbinden, lässt aus diesen Wörter Schandflecke und Waffen werden!

Hier schliesst sich der Kreis: Solange der Unkritische der Nazikeulenverwendung glaubt, solange ist es egal, welches Wort gekürt wird. Wie ich schrieb, Goebbels und Hitler sagten auch aber oder und …  und Autobahn! Auch Nazis hatten Familie und schnappten nach Luft! Muss ich deshalb nun weniger atmen? Muss ich deshalb bei jeder Kritik so weit ausholen? Ich denke nein, denn so wichtig war mir gestern weder die Jury noch das Vokabular. Dennoch war es mir so wichtig, dies in vergleichsweiser knapper Darstellung, aufzuzeigen.

Ich wiederhole mich: Wir Schreiberlinge, ja ich habe das Wort mit Bedacht gewählt, müssen nicht alles wissen, nicht alles tiefgehend kritisieren, nicht alles gut finden. Wir, die wir Leser informieren wollen, müssen auf unsere Leser bauen. Darauf, dass sie selbst tätig werden, weiterdenken – und (auch uns) hinterfragen. Das haben Sie getan, dafür danke ich Ihnen.

Ihr Kollege

Hagen Ernst

 

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