Internetcafes, die schmecken (Wolfgang Luley)

Satire & Humor

Ein Internetcafe ist nicht unbedingt das, was der Name vermuten lässt. Nun bin ich als Autor ein aufgeschlossener Mensch und offen für alle mögliche Arten von Erfahrungen. Sie fragen sich vielleicht, was man denn schon groß in einem Internetcafe erleben kann? Abwarten!

Ich gehe also in eines jener Internetcafes bei mir in der Innenstadt und werde an den PC mit der Nummer sieben geschickt. Ich sehe mich um, die PCs stehen in Zweierreihen, links und rechts, des Cafes. Nur ein Gang trennt beide Seiten. Ich suche die entsprechende Zahl, finde sie aber nicht. Der freundliche Herr an der Kasse erkennt offenbar mein Dilemma und ruft freundlich: „Sie müssen zu dem PC zwischen der Sechs und der Acht!“ „Danke!“, sage ich, „und die stehen wo?“ „Vor Ihrer Nase!“ Ich blicke mich um. Tatsächlich, vor meiner Nase stehen PCs, aber keiner mit einer Nummer. Ein Gast, der direkt neben dem PC sitzt, neben dem ich stehe, sagt zu mir: „Setzten Sie sich einfach nur mir. Ich sage dann Bescheid.“ Ich zucke mit den Achseln und setze mich an den PC neben dem freundlichen Herrn. Kaum habe ich Platz genommen, ruft der freundliche Herr, in Richtung Kasse: „Er sitzt bei mir!“ „Ok!“, ruft der Herr an der Kasse zurück. Und tatsächlich, mein PC wird hochgefahren. Ich schaue auf den Bildschirm und auf den PC-Tisch, aber nirgends sehe ich eine Nummer. „Ach bitte, sage ich zu dem freundlichen Herrn, „wo stehen die Nummern?“ Er schüttelt aber nur den Kopf und meint: „Der Besitzer, dort an der Kasse, ist blind.“ Und damit wendet er sich wieder seinem Bildschirm zu. Inzwischen ist mein PC bereit. Während ich noch über die Worte des freundlichen Herrn grüble, vernehme ich hinter mir ein Hecheln. Ein Hecheln, wie man es kennt, wenn man mit seiner Frau gerade viel Spaß hat. Vorsichtig drehe ich mich um, auf das Schlimmste gefasst. Aber da sitzt nur ein älterer Herr, mit weißen Haaren, an seinem PC, hat Kopfhörer auf und hechelt und stöhnt. Daneben sagt er Sätze wie: „Oh ist das geil!“ Ich will lieber nicht wissen, was er sich gerade für einen Film ansieht und drehe mich wieder um, zu meinem PC. Da höre ich vor mir, wie ein anderer Herr eine Packung mit Nüssen aufreißt. Dazu sagt er: „Mmmmh!“, und „O wie lecker!“ Alsbald höre ich nur noch ein Ausgiebiges schmatzen und kauen. Der freundliche Herr neben mir beginnt Dylans Knocking on Heavens Door zu pfeifen, dessen Video – passenderweise – auf seinem PC läuft. In der Zwischenzeit ist ein neuer Kunde gekommen. Er steht in Höhe unserer PCs und blickt sich etwas hilflos um. „Weiß zufällig jemand von euch, wo die Nummer elf ist?“, fragt er uns. Der freundliche Herr neben mir sagt zu dem neuen Kunden: Setzen Sie sich hinter mich, ich sage Bescheid.“ Der neue Kunde setzt sich eilfertig an den PC hinter uns, neben dem Herrn, der unanständig stöhnt. Als der neue Kunde sitzt, ruft der freundliche Herr nach vorn: „Er sitzt hinter mir!“ Augenblicklich hört man die Geräusche eines hoch fahrenden PCs. Der ältere Herr hinter mir hechelt und stöhnt noch immer. Ich spüre, wie sich mir langsam die Nackenhaare sträuben. „Hören Sie mal“, sage ich zu ihm, „es sind noch andere Kunden hier.“ „Dann macht doch mit!“, sagt mir der alte Mann und stöhnt weiter. Allmählich muss ich um meine Fassung ringen. Der neue Kunde sieht mich verständnisvoll an und spickt dann auf den PC des älteren Herrn. Plötzlich erschrickt er. Mir wird langsam heiß und kalt. Vor mir schmatzt ein Kunde, neben mir pfeift einer, hinter mir stöhnt einer zu einem Video oder einem Film, der alles zu sein scheint, außer eines: jugendfrei. Plötzlich reißt mich der neue Kunde aus meinen Gedanken. „Wissen Sie, was der schaut“, sagt er zu mir und deutet mit dem Finger auf den alten Herrn neben sich. Ich schüttle den Kopf und will gerade sagen, dass ich es nicht wissen möchte, als er sagt: „Die Schlümpfe.“ Ich beruhige mich wieder und lehne mich in meinen Stuhl zurück. Eine innere Stimme sagt mir: „Wenn du das aufschreibst, glaubt dir wieder kein Mensch.“ Ich nicke. Da höre ich, wie die Nuss vor mir zu seinem Nebenmann sagt: „Weißt du, dass man von Nüssen einen Ständer kriegen kann?“ „Du meinst wohl von Zwiebeln?“, sagt dieser. Und darauf die Nuss: „Wie soll das gehen?“ Darauf wieder der andere: „Indem man ein Loch reinmacht!“ Worauf sich beide vor Lachen schütteln. Ich beschließe, dass es mir egal ist, ob jemand diese Geschichte für wahr hält, und skizziere mir alles, was ich im Cafe erlebt habe, in einem Rechtschreibprogramm. Als ich fertig bin, drucke ich meine Skizze aus; dazu muss ich an die Kasse, wo der Drucker steht. „Alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, fragt der Besitzer. Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll und blicke zurück auf die anderen Kunden in der Nähe meines PC-Platzes. Der alte Herr stöhnt noch immer, während sein Nachbar – der neue Kunde – mit ihm Schlümpfe guckt und sich dabei, vor Lachen, die Schenkel klopft. Die Nuss und ihr Nachbar mampfen Nüsse und zeigen mit ihren Händen jene ungeahnte Größen an, auf die ihre Manneskraft schon einmal gewachsen sein soll. Ob durch die Kraft der Nüsse oder durch das Loch einer Zwiebel, vermag ich nicht zu deuten. Auch halte ich die Längenangaben von über einem Meter für leicht übertrieben. Da betritt eine Kundin das Internetcafe und fragt nach einem PC. Der Besitzer gibt ihr die Nummer zwölf. Die Frau blickt sich um und fragt schließlich, wo die Nummern seien. Sie sähe keine. Darauf der Besitzer: „Setzten Sie sich einfach irgendwohin, das ist dann die Nummer zwölf.“ Erleichtert läuft sie nach hinten, als sie an der Gruppe mit den Nüssen und Schenkelklopfern vorbeikommt, bleibt sie kurz stehen, verzieht ihr Gesicht und kehrt um. „Ich habe es mir anders überlegt“, sagt sie und verlässt das Cafe. Ich sehe mir den Besitzer genauer an, er trägt eine dunkle Brille, obwohl es bereits nach 18 Uhr ist. Man müsste jetzt eigentlich das Licht anschalten. „Stimmt es“, frage ich ihn, „dass Sie blind sind?“ Er lacht mich an mit einem strahlend weißen Lächeln. „Definieren Sie blind!“, sagt er zu mir. Dabei lacht er wieder, aber so herzlich und vergnügt, dass auch ich davon angesteckt werde. „Ja,“ sage ich schließlich, „hier gefällt`s mir.“

Es gibt Internetcafes, die gleichen Bienenstöcken und zeichnen sich durch die Geschäftigkeit aller aus; daneben gibt es Internetcafes, die nicht beliebig sind. Sie sind bezaubernd, durch ihre Gäste und ihre Besitzer. So gibt es Internetcafes und Internetcafes, die authentische Geschichten sind. Wenn auch nicht solche, die allen schmecken.

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