Streiks sind Brillanten der Demokratie (Wolfgang Luley)

Satire & Humor ,

Ein Streikchaos ist ärgerlich, vor allem, wenn man Urlaub hat und in den sonnigen Süden fliegen will. Aber dann greift das Streikchaos nach unseren Urlaubsplänen und zerknüllt sie. Was ein dummes Streikchaos! Quizfrage: wem aufgefallen ist, dass ich ihn die ganze Zeit über manipuliere, der möge bitte den Finger heben. Wie – es hat keiner gemerkt? Alle schauen sich nur ratlos an.

Kein Problem, ich verhelfe Bürgern immer gerne zu eigenen Gedanken. Widmen wir uns der Frage, wie Sprache manipulieren kann, heute: Das Streikchaos!

Aus der Rhetorik kennt man zusammengesetzte Worte als „Komposition“. Spricht man von einem Tischbein oder einer Armlehne, sind das Kompositionen. Der Unterschied zwischen dem Tischbein und dem Streikchaos besteht darin, dass das Tischbein nicht ideologisch gefärbt ist. Denn statt von einem Streikchaos kann man auch von einer Streikordnung reden. Weitere Beispiele: Streikglück, Streikkultur, Streikdemokratie.

Sie wenden ein, dass ein Streik, wenn Sie Urlaub haben, trotzdem ärgerlich ist. Das streite ich nicht ab. Vielleicht ärgern sich auch Streikende über den Streik, da sie lieber arbeiten würden, aber nun streiken müssen? Ja, warum nicht! Warum streikt denn eine Belegschaft? Eine Gewerkschaft sitzt in Verhandlungen mit Arbeitgebern und kommt zu keinem Ergebnis. Also fragt die Gewerkschaft die Mitglieder, ob sie streiken wollen, die stimmen in einer Urabstimmung darüber ab und wenn genug für den Streik sind, wird gestreikt. Klingt das nach Chaos? Sie wenden ein, dass das Chaos durch entsteht, weil die Arbeit liegenbleibt und so Verzögerungen eintreten. Etwa, wenn Piloten streiken, starten keine Flugzeuge und so bildet sich ein Knäuel aus Chaos. Auch das streite ich nicht ab. Ich wende nur ein, dass diese Haltung, die eines Konsumenten entspricht. Ein Konsument hat nur seine Bedürfnisse im Blick, ähnlich einem Baby, das gehegt und gepflegt werden möchte und dass, wenn es schreit, sofort bekommen will, wonach ihm gelüstet. Etwa so: ich habe Urlaub und will jetzt in den sonnigen Süden fliegen. Wenn ich Urlaub habe, hat keiner zu streiken. Wer streikt, während ich Urlaub habe, stiehlt mir den Urlaub. Das ist ein Verbrechen! Mit anderen Worten: wir, als Bürger, geben den Arbeitern die Schuld und nicht den Arbeitgebern. Dabei haben auch die ihren Teil zum Streik beigetragen, indem sie auf ihre Forderungen beharrten. Anders hingegen ist es mit „wilden Streiks“. Also Streiks, die außerhalb der Tarifverhandlung geführt werden. Aber selbst da kann man fragen, ob wilde Streiks immer und überall verwerflich sind. Nehmen wir an, die Gewerkschaft wurde bei den Tarifverhandlung über den Tisch gezogen und hat einen zu niedrigen Abschluss für ihre Mitglieder erzielt. Warum sollten die Arbeiter dann nicht wild streiken? Hat man als Arbeiter kein Geld für Miete und Familie, ist es doch besser, man streikt außerhalb der Tarifverhandlungen als das man eine Bank überfällt! Manipuliere ich jetzt wieder? Nein, ich stelle nur Fakten klar. Und genau das will einer nicht, wenn er manipuliert.

Wie erkennt man sprachliche Manipulationen? Am ehesten erkennt man sie daran, dass sie einen zu einer bestimmten Haltung drängen oder verführen. Spricht jemand von einem Streikchaos, will er, dass ich mich über den Streik aufrege. Mehr noch, er will, dass ich die Streikenden verfluche und ihnen das Recht auf Streik abspreche. Fragen Sie also, ob sie gelenkt werden. Wenn ja, will man sie manipulieren. Außerdem: Sie sollten immer im Hinterkopf behalten, dass es nicht die eine, einzige Meinung gibt. Selbst in einer Diktatur lassen sich immer mehr als eine Meinung zu allen möglichen Themen finden. Aus diesem Grund nun eine poetische Definition des Streiks!

Streiks sind Brillanten der Demokratie, sie geben ihrer Berufung Dauer.

Sie wenden ein, das sei manipulativ? Ich widerspreche nicht. Andererseits: über diese poetische Definition kann sich auch derjenige freuen, der sich gerade über einen Streik ärgert.

Und in der nächsten Kolumne behandeln wir die Frage, warum man Dichter keine Prügel für ihre Meinungen androhen darf.

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