Hilfe für bedrohte Zweifel oder: wie Facebook unbescholtene Häuser der Erwartung sprengt (Wolfgang Luley)

Satire & Humor ,

Mit 15 Jahren wollte ich mich einmal mit einer 17. Jährigen treffen, die bei mir in der Gegend wohnte. Sie konnte mit den Hüften wackeln, dass sich selbst Bäume nach ihr umgedreht haben. Leider ist sie nicht gekommen, ein gewisser Nachbarsjunge war daran nicht ganz unschuldig und leider war er größer und stärker als ich. So hat ihr Fehlen meine Erwartungen zu Staub zerfallen lassen, man kann auch sagen: der Nachbarsjunge hat meine Erwartungen hinterhältig pulverisiert.

Warum ich das erzähle? Heute morgen habe ich auf der Online-Ausgabe von n-tv gelesen, dass mich daran erinnert hat. Ein Artikel war überschrieben mit: „Facebook pulverisiert Erwartungen.“ Spontan dachte ich: „Schlimm, wieder Hoffnungen, die man in einer Urne begraben kann.“

Aber das war eine Fehleinschätzung, gemeint war das Gegenteil!

Facebook hat seinen Gewinn, gegenüber des Vorjahres, auf „791 Millionen“ steigern können, was einem Plus von über „140 Prozent“ entspricht. Kann man dadurch Erwartungen pulverisieren?

Als mir die 17. Jährige damals einen Korb gegeben hatte, waren meine Erwartungen pulverisiert. Sind mir danach aber neue, gleich einem Phönix aus der Asche, entstanden? Nein. Außerdem wird ein Phönix nicht größer, er bleibt immer der Vogel, der er ist. Folglich, um dieses Bild zu bemühen, hätte der Phönix jedes mal wachsen müssen, damit er die pulverisierten Erwartungen übertreffen kann. Also kann der Phönix nicht gemeint gewesen sein.

Nehmen wir einmal an, ich hätte mein damaliges Treffen bekommen. Dann wären nicht meine Erwartungen, wohl aber meine Zweifel, pulverisiert worden. Stimmt das aber? Ja! Zerfallen die Zweifel, werden sie, in alle Himmelsrichtungen, zerstreut. Folglich kann man Zweifel zertreten, ihnen die Kehle zudrücken oder… Arme Zweifel! Man sollte Wörterrechtsorganisationen um Hilfe rufen, zum Beispiel: „Hilfe für bedrohte Zweifel“, die für bessere Wörterrechtsslagen kämpfen.

Nun könnte man aber einwenden, dass pulverisiere Erwartungen Platz für neue schaffen. Ja, das stimmt. Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass diese Erwartungen größer sind, geschweige denn, dass automatisch neue hinzukommen. Wenn Sie, geneigter Leser, sich mit einer Frau treffen wollen, bzw. die geneigte Leserin mit einem Mann, und die ihnen mit einem deutlichen „Nein!“ antwortet, haben Sie da noch Hoffnung? Wohl eher nicht.

Vielleicht schaffen pulverisierte Erwartungen Gewissheit? Ja, das stimmt. Allerdings nicht so, wie Sie jetzt vielleicht denken. Enttäuschungen bringen Gewissheit mit sich. Wenn Sie einen Korb bekommen, haben Sie Gewissheit. Also stimmt die Überschrift des n-tv-Artikels doch! Nein, sie bleibt trotzdem falsch. Im Artikel wird davon gesprochen, dass „Werbeeinnahmen durch die Decke“ schießen und „Umsatz und Gewinn explodieren“. Demnach wären die Erwartungen ein Haus, in dem der Erwartende lebt. Und dieses Haus wird pulverisiert. Was ist aber mit dem Erwartenden? Richtig, der ist auch futsch. Demnach ist Facebook ein Terrorist, der unbescholtene Leute, die im Haus der Erwartung leben, in die Lust sprengt. Geben Sie es zu, Sie müssen lachen! Und genau deshalb ist die Überschrift falsch. Anstatt Sprengstoff zu verwenden, hätte der Artikel ein passendes Bild benutzen sollen, etwa: „Facebook übertrifft alle Erwartungen.“ Das hätte jeder verstanden und Facebook müsste jetzt nicht mit dem Verdacht leben, ein Terrorist zu sein.

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