Ohne Moos nix los!


Amazon und der gläserne Leser oder: was ist ein Hawking – Index? (Wolfgang Luley)

Was haben Literatur und Mathematik miteinander zu tun? Eine Frage, die Jordan Ellenberg, seines Zeichens amerikanischer Mathematiker, wie folgt beantwortet: Statistik, die Rückschlüsse auf das Leseverhalten der Käufer zulässt.

Ja, es ist nun einmal so: wir leben in einer Welt des Konsums. Unternehmen wollen alles, alles, alles über uns Käufer wissen. Diese Wissensgier hängt aber auch mit unserem Verhalten zusammen: wir hinterlassen im Netz Spuren. Das lockt die Unternehmer – Meute an.

Ob das Jordan Ellenberg mit seiner Statistik auch im Sinn hat? Nichts Genaues weiß man nicht.

Das findige Mathematikerlein der Uni Visconsin hat sich jedenfalls die Statistik auf Amazon unter die Lupe genommen und errechnet, welche Bestseller bis zum Schluss gelesen werden. Wie das funktioniert? Etwa so: die Textpassagen, auf unseren Kindle – Geräten, die wir häufig markieren, veröffentlicht Amazon in einer Statistik. Ellenberg hat sich nun als Sherlok Holmes betätigt und geprüft, ob die die markierten Stellen am Anfang oder am Ende des Buches lagen. Daraus schloss er, ob das Buch ganz durchgearbeitet worden ist. Diesen, von ihm erstellten Index, gab er scherzhaft den Namen: „Hawking – Index“. Damit ist nicht das Maskottchen der Uni gemeint, sondern der Physiker Stephen Hawking. Und warum gerade nach ihm? Weil die Bücher des Physikers oft zu denen gehören, die viele Käufer, aber wenig Leser finden. Übertroffen wird das Physiker – Genie, nur von dem Polit – Genie Hillary Clinton. Nicht dass ich der ehemaligen Außenpolitikerin Genie unterstellen wollte, sollte sie aber trotz ihrer Schwarte „Entscheidungen“, das höchste Amt in den Staaten erreichen, muss sie ein Genie sein. Ihr Buch ist ein Bewerbungsschreiben auf 734 Seiten, dass vermitteln soll, welche Politikerin der Wähler 2016 wählen soll. Ein Plan, der so dumm ist, dass er fast schon genial ist. Und er könnte tatsächlich zu einem Erfolg für Clinton führen. Wenn die Lektüre alle in Dauerschlaf versetzt und Clinton sich am Wahltag selbst wählt, hat sie 100 Prozent der Stimmen. Das wäre tatsächlich genial! Zu den Verlierern zählen aber vorerst beide.

Weniger genial ist dafür ein anderes Buch, das in den Medien viele, viele Worte auf sich gezogen hat: Shades of Grey. Eigentlich hätte diese Buchtrilogie viele Leser finden können, handelt der Inhalt doch von einem nie zuvor bearbeiteten Thema: eine Frau unterwirft sich einem Mann. Die Autorin Erika Leonard soll zuvor, die im Buch dargestellten Praktiken, mit ihrem Mann probiert haben. Dem amerikanischen Sender ABC erzählte sie, sie haben erfahren wollen, über was genau sie da zu schreiben vorhabe. Ihr Mann soll darüber gestöhnt haben. Interessant! Da frage ich mich, hat er über sie oder über das Manuskript gestöhnt? Und welcher Art was das Stöhnen! Doch zurück zum Buch. Der Hauptdarsteller knebelt und fesselt seine Sklavin nach Lust und Laune. Das nennt man in Fachkreisen: Bondage. O ja! Derart in Lust und Laune gebracht, treiben beide die Handlung voran. Nein, nicht wirklich. Was aber stimmt, ist, dass sie bestimmte Handlungen voran treiben. Die Höhepunkte dieser Handlungen sind wirklich spitzig. Und wie abwechslungsreich die Ort sind! Die Badewanne, der Schreibtisch, das Bootshaus oder einfach nur von der Decke hängend. So fesselnd der Mann, für die Frau, auch sein mag, der Leser fühlt sich weniger gefesselt und legt das Buch rasch ins Regal, wo es höchstens noch vom Staub gefesselt wird. Leser sind wohl eher weniger sadomasochistisch veranlagt, als die Hauptdarstellerin des Buches. Für mich: eine Überraschung!

Überraschend war auch das Sieger – Buch. Es entsprang der Feder von Donna Tartt, die bereits 1992 mit einem Psychothriller debütiert hatte. Eine Autorin, die es mit ihren Romanen nicht besonders eilig hat. Das ist aber kein Merkmal dafür, dass sie keine Ahnung hat, worüber sie schreiben soll, sondern, ein Markenzeichen für gute Unterhaltung. Ende 2013 erschien ihr dritter Roman; ein Buch von über 1000 Seiten. Kurz zum Inhalt: ein 13-jähriger Junge verliert seine Mutter bei einem Terroranschlag. Alles was ihn an sie erinnert, ist ein DIN-A4-großes Ölbild das einen Distelfink zeigt. Dieses Bild gibt dem Roman auch seinen Titel. Ein Buch, dass Leser mögen. In einem Interview mit der FAZ vom März dieses Jahres, erklärte sie, ihre Arbeit sei Ausdruck der Maxime: „Nur was mich selbst überrascht, überrascht auch meine Leser.“ In der Tat, dass ein Buch über 1000 Seiten bis zum Ende durchgearbeitet wird, spricht für die Literatin und ihre Leser. Andererseits: Tartt hat an dem Buch mehr als 10 Jahre geschrieben, da kann man schon einen aufregenden Text verlangen. Nach Jordan Ellenberg nimmt dieses Buch die Spitze seines Hawking – Indexes ein. Was sagt uns das? Donna Tartt beweist, dass ein Distelfink fesselnder ist als Bondage.

Der Hawking – Index beweist aber auch, wie gläserner wir Leser werden. Unternehmen, wie Amazon, unternehmen alles, um unser Kauf- und Leseverhalten vorhersagen zu können. Immer besser soll das Angebot auf uns Leser abgestimmt werden. Und als Folge davon, wird auch nur eine bestimmte Art von Literatur Erfolg haben, jene, die unserem Kauf – und Leseverhalten entspricht. Als Autor ist das für mich eine Schreckensvision. Entweder, ich schreibe nur noch, was Erfolg verspricht oder ich werde ein literarischer Einsiedler, der nur zum eigenen Vergnügen schreibt.

Was haben Literatur und Mathematik miteinander zu tun? Wenn es um echte Literatur geht – nichts!

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