Antwort an Hagen Ernst (Wolfgang Luley)

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Antwort an Hagen Ernst

Lieber Hagen Ernst,

in der Juni/ Juli-Ausgabe Ihres Preußischen Anzeigers treffen Sie die Aussage, dass unsere Medien „selbstzerfleischend“ seien. Sie begründen das mit einer Abnahme „sachlicher Informations- und Bildungssender“.

Wenn Sie gestatten, teile ich Ihnen dazu meine Ansichten mit. Nicht dass ich Ihnen widersprechen möchte, ich glaube nur, Sie haben einige gesellschaftliche Aspekte außer Acht gelassen, die – für meine Begriffe – immens wichtig sind.

Gesellschaftlich betrachtet leben wir heute in der Postmoderne. Dieses Zeitalter ist ein Zeitalter auf Krücken. Es geht nicht, es humpelt. Und so wie dieses Zeitalter keine durchgängige Fortbewegung kennt, so mangelt es auch den Medien an einer durchgängigen Informations- und Bildungsarbeit. Im Fernsehen ist die Bildung hauptsächlich in die dritten Programme abgeschoben worden. Andere Sender, wie ARTE, die hauptsächlich Bildung vermitteln, sind in der Medienlandschaft jedoch rar gesät. Im Hörfunk ist die Lage auch nicht besser.

Ich weiß nicht, ob Sie die Fußball-WM in Brasilien interessiert, die sich derzeit in die Hirne der Zuschauer ballert. Und nicht bloß das: ein unsäglicher Hype an Werbung sorgt für Ablenkung. Sie denken: Ablenkung vom Spiel? Ja und Nein. Klar lenkt die Werbung vom Spiel ab. Ich soll mich für bestimmte Artikel interessieren, weil „mein“ Fußballstar die irgendwie toll findet. Und so kann ich mich mit Getränken oder Geräten des alltäglichen Bedarfs ein- und zudecken. Alternativ: auch mit Flügen einer bestimmten Fluggesellschaft (die ganz, ganz toll sein soll), oder mit bestimmten Fortbewegungsmitteln, wie Autos, die auch ganz, ganz toll sein sollen. Was aber ist mit dem, was sonst noch um die WM herum passiert? Im März dieses Jahres hat die Ratingagentur Standard & Poor`s die Kreditwürdigkeit Brasiliens herabgestuft und in Rio de Janeiro liefern sich Brasilianer mit der Polizei Straßenschlachten wegen gestiegener Bustarife. Aber was vermitteln die Medien? Ein sauberes Bild einer Weltmeisterschaft, in der sich alles um Fußball dreht und um Werbung, Werbung, Werbung. Offenbar zählt für die Medien der Bürger wenig, der Konsument aber viel. So verlegen die Medien den Standpunkt von der Zivil- auf die Waren- und Wegwerfgesellschaft. Das einzig Beständige in ihr ist das Vergängliche und Bruchstückhafte. Sie erinnern sich an das Zeitalter auf Krücken? So wundert es auch nicht, dass in dieser Postmodernen Zeit, sachliche Bildungs- und Informationssendungen mit der Lupe zu suchen sind. Sie ahnen vielleicht, dass Bildung und Kultur nur ablenkt. Wer über sich, statt über Waren nachdenkt, der ist ein schlechter Konsument. Friedrich Schiller hätte sich nie träumen lassen, als er „Die Bühne als moralische Anstalt“ schrieb, dass der Konsument, den Bürger, als Souverän einmal ablösen würde. Kultur war einmal Besinnung und Selbstbestimmung, heute ist es bloß noch Bedürfnisbefriedigung. Und so spielt auch die Frage nach den Machtverhältnissen keine Rolle mehr. Bis auf die, die hungern und bei ihren Protesten von der Polizei niedergeknüppelt werden. Aus diesem Grund finde ich die Weltmeisterschaft in Brasilien so bezeichnend. An ihr wird durchexerziert, was unsere Gesellschaft zu interessieren hat und was sie nicht zu beachten haben soll. Sollte Sie die Fußball-WM nicht interessieren, ist das kein Beinbruch – für die Kultur.

Was den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland betrifft, so fehlt hier der Bürger ebenfalls. Sie, ich und andere, können auf das Programm kaum Einfluss nehmen, es sei denn, wir schalten um oder das Radio ganz aus. Zwar haben die öffentlich-rechtlichen Sender einen Bildungsauftrag, aber der ist, wie eingangs erwähnt, in die dritten Programme abgeschoben. Wenn Sie mich fragen, dann lese ich lieber ein kluges Buch, als mich einer Dauerberieselung der Medien auszusetzen. Wobei das Radio auch keine Ausnahme bildet. Wie Sie festgestellt haben, wurde die Themen- und Musikvielfalt durch „Dudelfunk“ ersetzt. Auch da bleibt für eine Besinnung auf sich selbst wenig Zeit, dafür aber viel Raum für Zerstreuung. Man kann sagen: Je zerstreuter der Mensch, in seinem Handeln, desto blühender der Handel. Und eine Konsequenz daraus ist, dass man seine Identität verliert. Man fragt nicht mehr nach seinem Wesen, sondern nach künstlich geschaffenen Wünschen. Eine Problematik, der sich übrigens der französische Philosoph Alain de Benoist gewidmet hat. In seinem Buch „Wir und die anderen“ untersucht er dieses Phänomen genauer. So schreibt er zum Beispiel: „Demnach ist die Hauptursache für die Entfremdung der Identitäten heute wohl im Warenfetischismus zu suchen.“ Für Benoist ist die Postmoderne also nur ein anderes Wort für Kapitalismus. Bevor wir uns jetzt über Revolution, Sozialismus und Säuberungen unterhalten, schlage ich vor, wir belassen es erst einmal bei der Andeutung von Ursachen, warum die Medien kaum noch sachliche Informations- und Bildungsarbeit leisten. Eine Lösung sehe ich darin, mit dem Kapitalismus zu brechen. Das können wir auch schon, indem wir uns um Bildung und Information selbst bemühen. Sie leisten diesen Beitrag mit ihrem Magazin und ich mit kritischen Artikeln. Und es liegt an den Konsumenten, in sich wieder den Bürger zu entdecken. So hoffe ich auf eine Rückkehr zur Zivilgesellschaft. Ob dies durch eine Revolution möglich ist (und wenn ja, wie diese Revolution aussehen muss) dass wird die Zukunft zeigen. Ich denke natürlich weiter darüber nach und lade Sie zu einem weiteren Gedankenaustausch ein. Aber nicht allein Sie, sondern alle, die in unserer Waren – und Wegwerfgesellschaft keine Zukunft erkennen. Auf dass wir uns wieder auf uns und unsere Wünsche besinnen.

Im Grunde verstehe ich Ihren Artikel im Preußischen Anzeiger als Aufruf einer Gegenöffentlichkeit. Dass diese nicht „selbstzerfleischend“ sein soll, versteht sich ganz von selbst. Ich hoffe, ihr Aufruf erreicht viele, viele Leute.

Mit diesem Wunsch beende ich meine Ausführungen. Einer Antwort sehe ich freudig entgegen.

Ihr

Wolfgang Luley

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