Der Dino ist Tod – es lebe der Dino!

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(he) Der Dino hat gestern seinen Todesstoß bekommen und darf sich noch bis zum Ende des Jahres winden. Eigentlich keine Meldung wert, nachdem wir heute zig und einen mehr an Fernsehkanäle zur Auswahl haben und es nahezu täglich zu Umbesetzungen im Programm oder Absetzungen von Programminhalten kommt. Eigentlich keine Meldung wert, es sei … aber das wird es wohl nicht. Doch lassen wir die Kasetten rückwärts spulen und uns dann dem Ende genüsslich nähern. Haribotüte raus und: MAZ ab!

Für mich fing das Wetten dass …? – Zeitalter sehr spät an und endete dafür vorzeitig. Ohne ARD und ZDF, dafür heimlich mit der SAT.1 Morgensendung, bei der Musikvideos noch die Hauptrolle spielten, war mein Leben, mit Schule und späterem Arbeitsleben gut gefüllt. Irgendwann meckerte halb Deutschland das ein Ossi-Entertainer die Sendung übernahm, der zu viel tätschelte, aber wohl besser vorbereitet war als der güldene Lockenkopf, der vom bayrischen Radio kam. Spannender, weil anders, war zu jener Zeit „Na sowas!“ mit dem besten Fernsehkumpel vom Gottschalk. Doch die Haribowerbefigur übernahm das Zepter zurück und ritt den Dino der Fernsehunterhaltung weiterhin unvorbereitet im Käfig des öffentlich-rechtlichen Anstaltskaravans.

Nun könnte man meinen, das da ein wenig Neid aufblitzt, meine ehemaligen Kollegen werden dies verstehen können. Waren doch nur 4, 5 Kameramänner, 1 LKW voller Technik nötig um ähnliche Unterhaltungsformate in mitten von Deutschland zu realisieren. Zumindest wenn man bei einem kleinen lokalen Fernsehsender arbeitete, der nicht mit dem Geld der Zuschauer protzen konnte. Doch das ist ein anderes Thema.

Während bei den kleinen Fernsehshows nur eine Hand voll Menschen den Job taten und eine weitere zuschauten, war es beim ZDF ungleich größer. Millionen Gebührengelder wurden eingesetzt um sogenannte Stars und Sternchen auf das Sofa zu karren, die ihre Filme und Bücher, CDs und Fotomagazine, manchmal sogar ihre Politik, promoten konnten, während andere sportliche, gedankliche Höchstleistungen verbrachten, um der König des Abends zu werden. Keine Einblendung, wie heute vorgeschrieben, dass die Sendung durch Productplacement unterstützt wäre. Werbung nach 8 beim ZDF? Nicht doch, das war Unterhaltung! Ob sich der österreichische Erfinder, Frank Elstner, jemals so vorstellte? Egal, wurde doch über diese Fernsehsendung der europäische Gedanke vervielfältigt. Die Eurovisionshymne, die Gastspiele in Österreich und in der EU-entfernten Schweiz zeigten deutschsprachige Völkerverständigung. Meist sogar in Überlänge, da Gottschalks innere Uhr langsamer tickte, als die ZDF-Uhr. Wetten dass…? hatte also ein anderes Zeitkontinuum erschaffen. Die Sendung schaffte es sogar zur Familienunterhaltungsikone mit Musik, Tanz, Geschwafel und eben den Wetten. Letztere waren schönes Beiwerk, so dass sich mancher Betrüger aufmachte und Gottschalk an der langen Nase herumzerrte. Davon konnten BILD und Co. eine Woche lang die Blätter füllen.

Es klingt nach einer wohligen Zeit. Und mehr soll Unterhaltungsfernsehen auch nicht.

Doch das ZDF zeigte sich mit dem Flagschiff zu sicher und verpasste den Absprung. Dieser wäre mehrfach möglich gewesen, mal tränenreich, mal mit Freudenschrei. Doch nun ist der Schuldige gefunden. Nicht die Verantwortlichen, sondern der der das kaputte Schiff in weitere hohe Einschaltquotengewässer fahren sollte. Der Norditaliener Lanz jedoch durfte nicht das Deck säubern, sondern musste die Ideen des ZDF Apparates umsetzen. Er durfte nicht die Löcher der letzten Schlachten füllen, sondern sollte gegen neue, modernere und leichtere Schiffe Fahrt auf nehmen. DSDS und wie die anderen Freischärlerbotzte hiessen wendeten schneller und hatten die bessere Munition. Das hätte das ZDF schon zu Gottschalks, angeblichen, glorreichen Zeiten sehen können. Doch hoch über den Wolken ist man näher an der Sonne und die Wolken verzerren das Bild.

Nun also ist das Ende eingeläutet und Lanz Karriere damit um einen Knick reicher. Stolz verkündet das ZDF, das man die Rechte halten werde und das man nun das Schiff in den Hafen bringen möchte. Die Begründung hingegen ist, mit Verlaub, lächerlich. „Der Rückgang der Zuschauerzahlen zeigt, dass sich die Sehgewohnheiten verändert haben und das Format an Anziehungskraft verloren hat“ heisst es. Als ob dem ZDF Zuschauerzahlen und Zuschauerwünsche je interessiert hätten. Steht ja auch so nicht im Medienstaatsvertrag. Auch hiess es, das der Kosten/Nutzenfaktor nicht mehr im Einklang stehe. Stand er dies je beim öffentlich/rechtlichen Fernsehen, frage ich. Dann könnten wir bei Olympia, beim Fußball, bei so manchen Fernsehspielen oder gleich bei den Programmen – von KIKA bis ZDF_neo – den Rotstift ansetzen.

Die eigentliche Konsequenz wäre es also, das Staatsfernsehen abzuschaffen oder aber die Gebühren. Sollen ARD und ZDF zum Pay-TV mutieren, man lernt doch sonst so gerne von den Amis. Soll man diesmal auch mal wieder vom ORF lernen. Mal schauen, welche Schlachtschiffe sich dann noch selbst abschiessen.

Man mag beim ZDF richtig liegen, wenn man meint die Sehgewohnheiten hätten sich verändert. Doch diese Einsicht ist zu spät. Wäre diese früher gekommen, so hätten wir weder die Probleme mit youtube und GEMA noch das Leistungsschutzgesetz oder aber die unsinnige Abmahnmentalität. Und würde diese Einsicht eine echte sein, so würde das ZDF, wie auch die ARD, wieder das senden und produzieren, wofür sie da wären. Ein informatives Unterhaltungsprogramm. Das würde Bildungsfernsehen am Vormittag bis zum europäisch/intellektuellen Spätfilm bedeuten. Doch davon sind die Macher des Staatsfernsehens weit entfernt, denn nur weil der Dino der österreichisch/deutschen Fernsehunterhaltung nun stirbt, bedeutet dies nicht, das man noch an anderen Stellen die Gebührengelder versenken kann. MDR und Kollegen machten das ja vor.

Wer also heute über den Untergang von „Wetten dass…?“ heult, darf sich freuen. Die nächste unnütze Gebührenzahlersendung kommt bestimmt. Schon heute!

Für mich persönlich könnte die ZDF-Entscheidung dort vorbeigehen, wo ich selbst nicht hinschauen kann. Dennoch möchte auch ich, der diese Sendung gut drei mal freiwillig und 12 mal gezwungener Maßen ansah, mein Kondolenzeintrag schreiben:

„Es war schon, das du da warst. Es ist schön, das du weg bist. Es ist am schönsten, wenn ich mich selbst beschäftigen kann und darf. Danke für das Ausfüllen einer Leere, die nie hätte existent sein dürfen. Danke ZDF, danke Wetten dass…? für die Entscheidung dir eine Pause zu geben.“

 

Dennoch kommt dieser Eintrag zu früh, denn man ahnt böses. Das ZDF behält die Rechte, so dass man an den Auslandsproduktionen noch verdienen kann und RTL nicht auch noch dieses Schiff wieder aufpoliert. Kein Steuermann Bohlen am Wetten dass…?-Dampfer, kein Kapitän Raab. Und kein Gebührengewässer mehr. Nur noch das Trockendock. Willkommen zu hause!

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