Der neue Zeitgeist: politische Debatten als Tortenschlachten.

Satire & Humor ,

(W.L.) Nehmen wir an, Sie halten ein Magazin in Händen
mit blitzenden Busen und Beine, erwarten Sie da
Nachrichten aus Politik und Wirtschaft? Und wenn
doch – wäre das ein seriöses Magazin?

Derzeit treibt in den Medien ein Schimpfwort sein
Unwesen, es heißt: „Qualitätsumgehungsmedium“
und es jagt keine Boulevardmedien, wie etwa die
Bild-Zeitung, sondern vermeintliche seriöse Zei-
tungen wie etwa die Süddeutsche.

Das Qualitätsumgehungsmedium ist aber gleichfalls
kein friedlicher Zeitgenosse, es ist auch auf der Jagd.
Es jagt die „Opfer der politischen Korrektheit“.

Kennen Sie Slapstick-Filme aus den zwanziger
Jahren des letzten Jahrhunderts? Diese Filme hatten
wenig Handlung, dafür jagte aber immer wer irgend
wen und zwischendurch bewarf man sich gegen-
seitig mit Torten oder begab sich auf eine hals-
brecherische Flucht. Das ganze Wirrwarr endete
meist in einer Heirat oder hinter Gittern, was manch-
mal auf Eins hinauslief – so ähnlich kommt einem
diese Jagd vor: das Opfer der politischen Korrektheit
jagt das Qualitätsumgehungsmedium und umgekehrt.
Und selbstredend wähnt sich jede Seite im Recht. –
Slapstick eben.

Worum geht es überhaupt? Im Februar dieses Jahres
hat der S.P.O.N-Kolumnist und bekennende Linke,
Jakob Augstein, das neue Buch von Thilo Sarrazin
in der Luft zerrissen. Und nicht bloß das, er nannte
ihn rückschrittlich und erklärte ihn zu einem Demo-
kratiefeind. Nun ist eine Tortenschlacht zwischen
den Linken und jenen entstanden, die sich in ihrer
freien Meinungsäußerung gegängelt fühlen Ob man
vereinfachend von Rechten sprechen kann, ist – für
mich – eine offene Frage. Thilo Sarrazin zum Bei-
spiel wirft gerne Torten auf diejenigen, die er für
Tugendterroristen hält. Sarrazin ist aber Mitglied in
der SPD, also einer linken Partei. Und die Linken
werfen gern mit Torten auf diejenigen, für die die
Europäische Union ein Bürokratiemonster ist. Was
daran „rechts“ ist, entzieht sich meiner Kenntnis.
Es ist offensichtlich, selbst für Blinde, dass die EU
unser ganzen Leben reglementieren will. Ange-
fangen über den Krümmungsgrad von Gurken, bis
hin zu vermeintlich diskriminierenden Worten, wie
etwa Mohrenkopf oder Zigeunerschnitzel. Aber
nicht bloß das: Staaten wie die Bundesrepublik
Deutschland gegen Souveränität auf, etwa in der
Frage der Haftung für europäische Staatsschulden.
Zumindest ist das die Meinung des Bundesfinanz-
ministers Wolfgang Schäuble. Also für mich hört
sich das nach einem Bürokratiemonster an.

Will man der Kolumnistin Liane Bednarz, Glauben
schenken, begebe ich mich mit dieser Äußerung in
eine „Hermeneutig der Verdächtigung“. Das jeden-
falls ist ihr Tortenwurf in Richtung EU-Kritiker.
Wobei Frau Bednarz immerhin anerkennt, dass
niemand fehlerfrei ist und man durchaus auch
Kritik an der EU äußern dürfe, nur eben nicht in
überzogener Weise, wie das Rechte tun. Leider
krankt die Kolumne der Frau Bednarz daran, dass
sie die Kritik von Linken als sachlich und objektiv
ausgibt, während für sie die Kritik der Rechten
oberflächlicher Schrott ist. Wären die Rechten nur
so wie die Linken, würden also deren Sprache und
Positionen übernehmen, dann wären sie sachlich
und objektiv! Leider sind Rechte keine Linken
und somit kann man sie auch nicht ernst nehmen,
selbst wenn ihre Kritik berechtigt ist. Wonach
klingt das? Nach dem bei Linken allseits beliebten:
Kampf-gegen-Rechts. Was nicht ihrer Weltsicht
entspricht ist rückschrittlich und rechts. Ich wollte,
die Linken würden nicht ständig auf Rechte Torten
werden, sondern ihre Nase in Dinge stecken, die
sie auch angeht, zum Beispiel in der Bewältigung
der DDR-Vergangenheit. Dieses Kapitel deutscher
Geschichte lassen die Linken gerne links liegen.
Worüber sie aber gern schwadronieren, ist, die –
Gefährlichkeit der ach so Rechten. Irgendwann
dürfen Rechte nur noch auf die Straße, wenn sie ein
Kainsmal auf der Stirn tragen.

Lassen wir für heute aber die Torten im Schrank.
Ich denke, berechtigte Kritik hat keine politische
Färbung; sie ist weder rot, noch braun, noch blau,
noch rosa. Was man sagen kann, ist: Befunde, also
Fakten, sollten eine größere Rolle spielen als Be-
liebigkeit, in Form von Vorurteilen. Und Medien,
die sich weniger um Befunde kümmern, müssen
sich den Vorwurf gefallen lassen, sie seien ein
Qualitätsumgehungsmedium. Vor allem, wenn sie
nicht den Boulevard bedienen, wie etwa die Bild-
Zeitung.

Liest man ein Magazin, das über Politik und
Wirtschaft informiert, will man auch keine Be-
richte über Busen und Beine sehen. Und wenn
doch, ist es Boulevard und sollte auch diesen
Eindruck vermitteln.

Ebenso seriös ist es, wenn man Kritik als
solche gelten lässt und nicht versucht, ihr eine
politische Farbe überzustülpen. Was nur die Ab-
sicht hat, seinen politischen Gegner mundtot
zu machen.

In Slapstick-Filmen hat man das mit einem Kuss
erreicht. Wer weiß, was die Zukunft bringt!

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