Die Freiheit der Zensur (von Wolfgang Luley)

Satire & Humor

Die Freiheit der Zensur

Um die türkische Presse- und Meinungsfreiheit muss sich
keiner sorgen, es geht ihr passabel, abgesehen von einigen
leichten Problemen. So erklärte der türkische Präsident
Gül auf einer Pressekonferenz in Ungarn: „Es darf kein
Druck auf die Presse ausgeübt werden.“ Auch bekannte er,
dass er Beschwerden von Journalisten zur Kenntnis nehme.
Daran erkennt selbst ein Blinder, dass es um die Presse-
freiheit in der Türkei wohl bestellt ist. Gül sei dank!

Nun ist Gül ein Politiker und die verbreiten gern heiße
Luft. Er, Gül, hat nämlich höchstselbst ein Internetgesetz
abgesegnet, dass Zensur Tor und Tür öffnet.

Herr Gül schert sich um Presse- und Meinungsfreiheit in
etwa so, wie ein Faulpelz um gute Noten. Er weiß sehr
wohl, welche Meinung Reporter über die Türkei hegen. Im
letzten Jahr veröffentlichte die Organisation „Reporter
ohne Grenzen“ ihre Rangliste der Pressefreiheit. Und wo
rangiert die Türkei? Auf Platz: 154. Damit geht es der
Presse und Meinungsfreiheit in der Türkei dreckiger als
etwa im kapitalistischen Russland (Platz 148) oder im
kommunistischen Südkorea (Platz 50). Tolle Leistung
Herr Gül! Ich bin sicher, mit dem Zensurgesetz wird die
Türkei einen Höhenflug erleben. Sie hat alle Chancen, dass
sie von Platz 154 bis auf Platz 1000 durchstartet! Und da
wirft man Politikern vor, sie hätten keine ehrgeizigen
Ziele. Auf Herrn Gül trifft das jedenfalls nicht zu.

Nun muss ich den armen Gül aber auch in Schutz nehmen!
Der Gute steht mit seiner Meinung nicht allein da. Die
ganze Türkei teilt seine Meinung. Gut, vielleicht nicht die
ganze Türkei, aber mehr als die Hälfte. Ich meine natürlich:
mehr als die Hälfte der Regierung Erdogan. Der Premier
steht voll und ganz hinter Gül. Allerdings weiß man nicht,
ob er tatsächlich hinter ihm steht oder sich eher hinter ihm
versteckt. Erdogan, diese alte Socke, hat nämlich viele
Freunde und die versammeln sich regelmäßig im Gezi-Park,
weil sie da für ihn demonstrieren. Eigentlich demonstrieren
sie nicht direkt für ihn, sie demonstrieren eher für Demo-
kratie und Presse- und Meinungsfreiheit. Als ob Erdogan
nicht auch für die gleichen Ziele einträte! Ja, auch Erdogan
ist für Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit. Wenn
auch in einer speziellen Form, quasi, versehen mit dem
Erdogan-Touch! Und das heißt: das Volk hat die Freiheit
der Zensur. Hurra! Leider wollen das seine Freunde aus dem
Gezi-Park nicht einsehen. Die ganze Türkei, nein die Welt,
könnte ein Ort der Seligen werden, würden alle verstehen,
das jeder alles sagen und tun darf, was Gül und ihm genehm
ist. Stattdessen gibt es immer irgendwo Querulanten. Und
die wollen etwas sehr, sehr böses tun.

Im März finden in der Türkei wichtige Kommunalwahlen
statt und im Sommer wählt das Volk einen neuen Staats-
präsidenten. Wahlen haben immer den Nachteil, dass das
Volk anders wählt als es soll. Im Prinzip werden Wahlen da-
durch undemokratisch. In der DDR zum Beispiel mussten
bekam das Volk erklärt, was die richtige Politik ist und es
musste entsprechend wählen. Wer anders wählte kam ins
Gefängnis. Das ist durchaus logisch und lobenswert. Wo
kommen wir hin, wenn jeder einfach wählt, was im Spass
macht. Politik ist immerhin eine erste Sache. Insofern kann
man Gül und Erdogan verstehen. Sie wollen die Türkei nur
vor ernsten Schäden bewahren. Nicht sie sind böse, es sind
solche Querulanten wie die im Gezi-Park oder solche Orga-
nisationen wie Reporter ohne Grenzen.

Das sollte das türkische Volk bedenken, wenn es demnächst
zur Abstimmung schreitet. Auf dass die Türkei ein Ort der
Seligen werde, ohne solche Leute wie Gül und Erdogan!

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