Ukraine zwischen Selbstbestimmung und Anlehnung

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(he) Es brennt in der Ukraine. Der ehemalige Staat der Sowjetunion steht nun vor einem Bürgerkrieg, es fehlen nur noch wenige Zünder um ihn auszulösen. Der Preußische Anzeiger möchte nicht aus der Ferne kommentieren, sondern fragte Ukrainerinnen, was sie denken. Unbefangen antwortete uns Galina P., Dolmetscherin.

Wir brauchen einen anderen Präsidenten und eine andere Regierungspartei. Unser jetzige Präsident ist lange Präsident, er hat nichts Gutes für das Land getan, alles ist teuer. Es ist richtig das demonstriert wird. Die Ukraine brauch ein Wechsel. Ich wünsche mir Tjahnybok als neuen Präsidenten. Er ist normaler Mensch und Patriot. Es gibt keine andere Möglichkeit als demonstrieren.

sagt sie uns im Gespräch. Oleh Jaroslawowytsch Tjahnybok ist seit 2004 Vorsitzender der Allukrainischen Vereinigung „Swoboda“ und seit 2012 auch Fraktionsvorsitzender der Swoboda-Fraktion im ukrainischen Parlament. Swoboda, also Freiheit, war früher die Sozial-Nationale Partei der Ukraine. Bis 2004 trug man den Wolfsangel als Parteilogo und im Mai 2013 stufte der Jüdische Weltkongress Swoboda als neonazistisch ein und forderte ein Verbot der Partei. 'Im August 2013 erklärte die deutsche Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke, Swoboda werde als eine rechtspopulistische und nationalistische Partei, die zum Teil rechtsextreme Positionen vertrete, eingeschätzt. Im ukrainischen Parlament lasse sie derzeit in der Parlamentsarbeit keine offensichtlichen rechtsextremen Tendenzen erkennen. Im Vorfeld der Parlamentswahlen

Maidan espreso.tv (Bild Espreso.tv) 

2012 habe die Partei ihr Wahlprogramm überarbeitet und rechtsextreme Statements entfernt. Der deutsche Botschafter in der Ukraine habe den Vorsitzenden der Partei am 29. April 2013 zu einem Gespräch getroffen, dabei habe der Botschafter festgehalten, dass "antisemitische Äußerungen aus deutscher Sicht inakzeptabel seien".' heißt es auf Wikipedia und weiter: 'Seit Beginn der Proteste in der Ukraine 2013 bildet die Swoboda gemeinsam mit der UDAR von Vitali Klitschko und der Allukrainischen Vereinigung „Vaterland“ von Julija Tymoschenko ein oppositionelles Dreierbündnis, das den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch absetzen will.'

Swoboda führt also eine taktische Partnerschaft mit der restlichen Opposition. Parteiinhalte und Darstellung, sowie das Bündnis können für deutsche Ohren ungewohnt klingen. Was erwarten daher die Ukrainer von der 'Freiheit' und einem EU-freundlichen Weg, den Klitschko favorisiert?

Die Straßen in der Ukraine sind sehr schlecht, man kann oft  keine 50 kmh fahren. Krankenhäuser sind im Zustand wie vor 20 Jahren und Schulen veraltet. Sie müssen von den Eltern erhalten werden.  Ärzte müssen schwarz bezahlt werden. Es gibt keine richtige Krankenversicherung. Europa ist daher gut für die Ukraine. 

erzählt die Frau aus Dnepropetrovsk uns.

Auch wenn oder gerade weil Galina schon oft in Europa war, sieht sie wohl nur die bunte Beleuchtung, die Europa bietet. Die Probleme, die Europa mit sich bringt, sieht sie wohl nicht. Dass es auch in Deutschland veraltete Strassen, Schulen und Krankenhäuser gibt, sieht sie nicht. Wichtiger ist ihr etwas, das in Deutschland wohl so nicht passieren kann, wohl aber dafür in Frankreich, denn so erzählt sie uns:

Der Präsident hat auch offiziell eine Liebhaberin.

und sie setzt nach:

Die Kosten zum Leben sind mehr als in Deutschland. Die Einkünfte aber geringer.

Wir fragen uns weiter. Und erfahren, dass aus dem selben politischen Umfeld es durchaus auch EU-Gegner gibt. Marie M. sagt uns

Die Ukraine muss sich weiterentwickeln. Aber wir müssen selbstständig bleiben. Wir sind keine Europäer wie ihr! Wir würden in der Europäischen Union nur untergehen, bestenfalls!

Bestenfalls?

Ja, die EU würde uns heruntertreten. Ich glaube nicht daran, dass uns die EU den ersehnten Aufschwung bringt. Ich habe eher Angst davor, dass eure Waren zu uns kommen, noch teurer werden und noch weniger verdient wird!

Was wird sich gewünscht?

Eine echte Neuausrichtung, ein Fortschritt. Eine nationale Entwicklung. Vielleicht mit Putin und der EU als Partner, damit die Ukraine stark wird. Wir haben Nachbarländer die uns nicht gut gesonnen sind. Ein Aufstand schwächt uns nur und wir bekommen vom Osten noch mehr Geschwür ins Land. Deshalb müssen die waffen ruhen. Unser Präsident muss sich der Opposition öffnen, für den Fortschritt, sonst geht unser Land unter!

Wenn man das Gespräch darauf bringt, dass NATO und die EU Interesse an der derzeitigen Lage haben, so verstummen die Gespräche schnell. Auch wenn man darauf hinweist, dass Klitschko Gelder von parteinahen Stiftungen der BRD erhalten haben soll, werden die Gespräche leiser. Ein Zeichen, das uns in Europa Angst machen sollte. Der Wunsch nach Fortschritt, nach einer Durchsetzung von nationalen Interessen jedoch könnte uns Hoffnung bringen, das man auf allen Seiten eine friedliche Lösung vorzieht.

Ob Europa es ebenso sieht, wenn Frankreich und die BRD schon mit Sanktionen drohen? Darf sich Europa da überhaupt einmischen? Die Fernsehzuschauer von n-tv stimmten heute per Telefon mit Nein! Aber solche Umfragen werden wohl für Hollande und Merkel nicht wichtig sein.

2 thoughts on “Ukraine zwischen Selbstbestimmung und Anlehnung”

  1. Vielen Dank Herr Klein, ich denke aber sie meinten die Adresse ohne "info@". Obiger Text entstand aus 2 Gesprächen mit Ukrainerinnen vor Ort. Einige Hintergründe, besonders mit Licht auf die EU und Deutschland, hatten wir an vorausgegangenen Tagen bereits veröffentlicht. Wir bitten um Beachtung!

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