Ohne Moos nix los!


Kürzestgeschichte IV (von Wolfgang Luley)

Armut

 

Armut ist extrem wählerisch. Sie wählt: Dich und Dich und Dich…

 

 

 

Fremde

 

Die Fremden hausten längere Zeit am selben Fleck. Fragte man sie, was sie miteinander verband, lächelten sie verlegen und meinten: Wir sind eine normale Familie.

 

 

 

Die Guillotine

 

Bekanntlich hat der Arzt Joseph-Ignace Guillotine die Guillotine erfunden. Weniger bekannt ist aber die Tatsache, wie und zu welchem Zweck Herr Guillotine seine Maschine erfunden hat.

 

Herr Guillotine schlief morgens gerne länger aus. Wollte er sich dann vor der Arbeit noch rasieren, musste er zum üblichen Rasiermesser greifen; leider war er im Umgang mit diesem Gerät nicht sonderlich geschickt, was die blutenden Stellen in seinem Gesicht verrieten, die er sich regelmäßig selbst zufügte. Da er sich aber für ein Erfinder-Genie hielt, beschloss er ein Gerät zu erfinden, mit dem er sich morgens rasch und unblutig rasieren konnte. Nach einigen Überlegungen erfand er schließlich ein hölzernes Gerät, das einem Türrahmen ohne Tür glich und an dessen oberem Ende eine Klinge befestigt war, die – nachdem man vorher einen Hebel betätigt hatte – senkrecht nach unten sauste und so einen sauberen Schnitt machte. Das hielt Herr Guillotine für genial, da er sich morgens nur noch unter diese Klinge zu legen brauchte. Bevor es dann soweit war, fiel ihm auf, dass seine Konstruktion einen Fehler besaß. Die Klinge hatte nicht genug Kraft, da Herr Guillotine über eine unreine Haut verfügte. So ersetzte er die Klinge durch ein Beil. Das schien ihm für seine Haut gerade richtig.

 

Dummerweise konnte er seine Maschine aber nicht ausprobieren, da er einem Freund von ihr erzählt hatte, der es wiederum einem Freund erzählt hatte, der es wiederum usw. So hatte auch ein gewisser Robespierre davon erfahren, der ein Rechtsanwalt aus der Provinz war und der in der Pariser  Politik eine kleine Rolle spielte. So genau wusste Herr Guillotine das nicht, da er sich für Politik so leidenschaftlich Interessierte wie ein Coiffeur für Medizin. Nun besuchte ihn dieser Robespiere und bat darum, die Maschine in Augenschein nehmen zu dürfen.  Herr Guillotine führte ihn in den Schuppen hinter seinem Haus und präsentierte ihm seinen genialen Rasierapparat. Robespierre war davon so begeistert, dass er ihm die Maschine für teures Geld abkaufte. Robespiere hatte zufällig das Geld in der Tasche, das er für solche Gelegenheiten immer bei sich trug. Herr Guillotine wunderte sich, wie ein Provinzadvokat, der in der Politik eine untergeordnete Rolle spielte, über soviel Geld verfügen konnte. Aber was verstand er schon von Politik. Er war ein Erfinder-Genie, da musste er sich um solche läppischen Details nicht bemühen. So einigte er sich mit diesem Robes-dingsbums, oder wie immer der auch heißen mochte, auf eine stattliche Summe von Zweihundert Louis d`Or, was damals – wie auch heute – viel Geld ist. „Noch eins“, sagte Herr Guillotine zu diesem Robes-dingsbums, bevor dieser ging, „wenn jemand reine Haut besitzt, können sie auch eine Klinge verwenden.“ Robespierre sah in verdutzt an, er verstand nicht recht. Herr Guillotine sagte aber weiter nichts, da er davon ausging, dass offensichtlich war, wie man seinen Rasierapparat zu gebrauchen hatte und was es für schlimme Verletzungen geben konnte, wenn sich jemand mit dem Beil seine reine Haut rasierte. Das müsste selbst ein Provinzadvokat verstehen. Robes-dingsbums zuckte aber nur die Achseln und ging. „Ärzte sind komische Leute“, dachte er beim weg gehen, „aber was interessieren mich solche Details! Als Politiker will ich Frankreich verändern!“ Und so geschah es.

 

Wie Herr Guillotine von guten Freunden erfuhr, war sein Rasierapparat bald so begehrt, dass hunderte, ja tausende, von Bürgern sich mit seinem Apparat rasieren wollten. „Da hat die Politik wenigstens einmal etwas richtig gemacht“, dachte er, dem Politik sonst nicht zusagte. Herr Guillotine war nämlich der Meinung, dass Politik nur den großen Leuten nütze, während sie dem kleinen Mann auf der Straße eher schade. Als er dann noch hörte, dass man seinen Rasierapparat: "Das Rasiermesser der Nation" getauft hatte, fühlte er sich sehr geschmeichelt. Dieser Robes-dingsbums mochte zwar aus der Provinz stammen, er schien ihm aber nicht untalentiert. Insgeheim wünschte er ihm sogar, er möge zukünftig eine größere Rolle in der Politik spielen. So würde sein Rasierapparat noch viel mehr Bürger beglücken helfen können. Vielleicht könnte man sein Gerät auch verkleinern, dann könnte jeder Haushalt in Paris einen solchen Rasierapparat haben. Und irgendwann vielleicht ganz Frankreich, oder Europa, oder –  die gaaaaanze Welt!

 

Bei diesem Gedanken wurden Herrn Guillotine die Knie weich und er musste sich auf einen Stuhl hinsetzen. „Als Erfinder“, dachte er, „bin ich mindestens auf einer Stufe mit Leonardo oder Archimedes!“ Und er überlegte, was er noch erfinden könnte. Er hatte von einem Stuhl geträumt, der sich unter Strom setzen ließ. „Was soll das aber bringen?“, dachte er, „man setzt sich auf einen Stuhl, den Strom durchfließt.“ Da schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Natürlich!“, dachte er, „wenn man mit Strom in Berührung kommt, wird man erleuchtet! Was konnte man wohl dabei alles für geniale Ideen auf einmal haben!“ Irgendwann würde er auch das erfinden, aber nicht mehr heute. Herr Guillotine gähnte herzhaft. Es war bereits nach Zweiundzwanzig Uhr – Zeit für sein Bett. „Mist!“, dachte er, „morgen muss ich schon wieder früh aus den Federn.“ Herr Guillotine hatte nämlich keine weitere Maschine. Die einzige, die er besessen hatte, hatte ihm dieser Provinzpolitiker abgekauft. Herr Guillotine überlegte, was er tun sollte – eine zweite Maschine bauen?

 

Wenn man es recht bedachte, hatte Herr Guillotine die Maschine nur einzig zu dem Zweck erfunden, morgens länger im Bett ausschlafen zu können. Eigentlich brauchte er die Maschine nicht – so würde er eben in Zukunft einen Bart tragen. „Das ist vielleicht überhaupt das Beste“, dachte er. Außerdem würde das Beil irgendwann an seiner unreinen Haut stumpf werden und er müsste es ersetzen – was auch wieder Arbeit bedeutete. „Erfinden ist sehr anstrengend“, dachte Herr Guillotine, „obendrein habe ich schon bewiessen, dass ich mit den ganz großen Erfinder-Genies auf einer Stufe stehe. Im Grund kann ich mich jetzt zurücklehnen und ausruhen!“ Er hatte der Welt einen Rasierapparat geschenkt und sie würde schon wissen, wie man damit richtig umzugehen hatte.

 

So erhob er sich und ging in Richtung Schlafzimmer, Endlich hatte er Vertrauen in die Politik und in solche talentierten Politiker wie Robespierre gefunden. Was konnte jetzt noch schief gehen!

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