Hier wird nicht abgehört!

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(W.L.) Wanzen im Wald sind ungewöhnlich – ich meine jene, die

Florian Mehnert dort installiert hat. „Abhörprotokolle aus

den Wäldern“ hat der Künstler sein Werk genannt und es

auch so auf seiner Internetseite veröffentlicht.

 

Abgelauscht hat der Künstler Banalitäten: Gespräche über

alltägliches, wie Probleme in der Beziehung. Woran mag

das erinnern? Richtig, andere sind bereits vorher auf diese

Idee gekommen und beglücken uns damit im Fernsehen,

ob wir es wünschen oder nicht! Gemeint ist das Format:

Big Brother, benannt nach dem Roman 1984 von George

Orwell. Einer Utopie über einen totalitären Staat.

 

 

Das Rezept ist einfach: man suche sich einige Kandidaten

aus, sperre sich in einen Container, der total verwanzt ist

und belausche sie rund um die Uhr. Sei dabei, wenn sie

ihre Notdurft verrichten, sei dabei, wenn sie über andere

lästern, sei dabei – sei einfach nur dabei. Das also ist das

Konzept. Und Florian Mehnert hat nun deutsche Wälder in

ein Big Brother verwandelt – wirklich originell!

 

 

 

Nun gut, sein Projekt soll eine entlarvende Satire auf den

jüngsten Abhörskandal sein. Herr Mehnert sagte sich, was

die Amerikaner können, das kann ich auch. Amerika hört

die Welt ab, also höre ich deutsche Bürger ab! Fürwahr –

ein meisterlicher Gedanke eines revolutionären Künstlers.

Ich bin auch ein revolutionärer Künstler. Man sehe: ich

werde Straßen verwanzen, Parks und meinen Kopf! Ja, ich

werde Wanzen in meinen Kopf einpflanzen, dann kann die

ganze Welt hören, was ich denke. Ha! Ha! Das wird ein

Spass! 24 Stunden, 7 Tage in der Woche und 365 Tage im

Jahr muss alle Welt meine Gedanken ertragen.

 

 

 

Dumm wird es nur, wenn andere mir folgen werden. Dann

muss auch ich hören, was andere denken. Andererseits,

wäre ich ein Agent, könnte mich interessieren, was andere

denken. Ich müsste nur aufpassen, dass ich selbst keine Ge-

danken habe, die mich verraten könnten. Aber selbst als

normaler Bürger sehen wir Formate wie Big Brother; es

interessiert uns, wie andere ihre Zeit vertreiben, wie sie

lachen, lieben und lästern. Das mag ungewöhnlich sein,

wenn man es nicht für selbstverständlich erachtet, dass

es im Fernsehen gezeigt wird. Schließlich ist privat pri-

vat und öffentlich öffentlich. Tut mir leid, aber das ist

eine veraltete Ansicht. Die Privatsphäre ist öffentlich

geworden – spätestens seit Big Brother. Dazu kommt

dann noch das Internet mit seinen sozialen Netzwerken,

auf denen Bürger munter über private Angelegenheiten

plaudern. Und auch da haben Geheimdienste große

Ohren. Selbst wenn Bürger zukünftig weniger munter

plaudern sollten, werden Wanzen für Transparenz sorgen.

Das Internet ist auch nur ein Wald. So lauern Wanzen

überall. Mögen es nun tierische oder technische sein.

 

 

 

Die Abhörprotokolle des Herrn Mehnert sollen also auf-

rütteln und einen Sturm der Empörung entfachen. Sei

das nun im virtuellen Datenwald, auf der Straße oder

auf dem Dach der Welt. Ein solcher Proteststurm ist aber

bisher ausgeblieben. Ich vermute, das wird so bleiben.

Seine Aktion wird vielleicht für eine laue Brise im

Blätterwald des Feuilletons sorgen, aber sonst…

 

 

 

Herr Mehnert glaubte entlarven zu müssen, dass privates

öffentlich ist, und das in einer Zeit, da eine solche Denk-

weise selbstverständlich ist. Er hätte besser darauf ver-

zichtet. Noch besser: er hätte Schilder anbringen können:

Hier wird nicht abgehört! Oder, er soll es so machen wie

ich: sich für Gedanken anderer nicht interessieren. Das ist

echt zukunftsweisend und revolutionär.

 

 

 

Agententum wie Verbrechertum wird man nie aus der Welt

bekommt. Man kann es vielleicht abschwächen, wie es die

Kanzlerin Merkel mit dem amerikanischen Präsidenten per

Vertrag plant. Das erscheint mir aber eher als ein frommer

Wunsch. Sei es drum, es ist ein erster Probierstein, ob es

die Amerikaner mit ihrer Reue ernst meinen.

 

 

 

Einige Sprüche hätte ich noch für euch!

 

 

 

Der Mensch vergisst und vergibt – der Künstler nie.

 

 

 

Künstler wecken Erinnerungen und Empfindungen. Das ist

ihre Form der Wahrheitssuche.

 

 

 

Künstler ist einer, weil er Empfindungen und Erinnerungen

kommandieren kann.

 

 

 

Ein Künstler – der sich über Unrecht empört.

Das Unrecht, dass es größere gibt.

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