Das neue Schilda Europas

Satire & Humor , , , , ,
Die Medien zitieren Bundestagspräsident Lammert, der
Qualitätsverlust im deutschen Fernsehen beklagt. Es
gehe, so Lammert, nur noch um Quote! Quote! Quote!

Interessant! Aber nicht was Lammert sagt – der redet eh
gern und viel, was man sich nicht zu merken braucht –
ich meine das Skandälchen um das abgehörte Handy
der Bundeskanzlerin Merkel im Zusammenhang mit
der Klage des Bundestagspräsidenten.

Klingt jetzt komplizierter als es ist.

Das Skandälchen um Merkels Handy wurde öffentlich,
als sie von Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes
erfuhr, dass Amerika ihr Handy abhöre. Sogleich rief
sie empört beim amerikanischen Präsidenten Obama an
und beschwerte sich. Angeblich soll er gesagt haben, er
wisse von dieser Aktion nichts; egal, Obama ist auch
nur ein Lammert!

Wenn man sich diese Posse aber genau überlegt, dann
fragt man sich, worüber regt die Merkel sich auf? Ist
der Bundesnachrichtendienst der einzige Spion, der
nicht spioniert? Spioniert nur Amerika und Europa
nicht? Ist Spionage etwa eine amerikanische Er-
findung? Je genauer man fragt, desto possierlicher
wird das Thema.

Ein Stück weit kann ich Merkel verstehen, sie meint
vielleicht, weil Obama 2009 den Friedensnobelpreis
bekommen hat und Europa den gleichen Preis drei
Jahre später, würden, auf beiden Seiten der Welt, ge-
meinsame Werte bestehen.

An dieser Sichtweise konnte man aber spätestens im
Juni dieses Jahres zweifeln, als Obama zu einem Ar-
beitstreffen nach Berlin kam. Schon damals war be-
kannt, dass Amerika ein Spionageprogramm betreibt,
das auf den Namen PRISM hört und Daten sammelt,
auch und vor allem Daten befreundeter Staaten; also
auch deutscher Bürger. Hat sich Merkel darüber em-
pört? Nein. Aber, als dann bekannt wurde, dass auch
sie – da aber geriet ihr Blutdruck in Wallung! Wer
möchte, kann daran ablesen, was die ehemalige Bür-
gerin der DDR, Genossin Merkel, über westdeutsche
Bürger denkt. Ich spare mir weitere Kommentare.

Im Nachhinein muss gesagt werden, Obamas schwei-
gen war eine Stütze des Lügengebäudes, auf dem die
Freundschaft von Amerika und Europa ruhte. Und
diese Stütze hat – freundlich ausgedrückt – einen
leichten Knacks.

Auf der anderen Seite: wer glaubt, dass Staaten keine
eigenen Interessen haben und keine Konkurrenten
sind, der ist dümmer als die Polizei erlaubt. Daran än-
dert auch eine gemeinsame Datenbank nichts, die BND
und CIA gemeinsam betrieben haben, und mit der sie
Daten von Terroristen gesammelt haben. Diese Aktion
nannten sie: Projekt 6. Ist dieses Projekt aber ein Aus-
druck gemeinsamer Werte? Das ist eine gute Frage.
Deutschland war davon überzeugt. Daher auch die Auf-
regung in den Medien und bei der Kanzlerin. Mein
Kommentar dazu: Deutschland ist das neue Schilda.

Apropos Schilda – da fällt mir Quoten – Lammert ein.
Seine Klage über den Qualitätsverlust der Medien hat
er in einer Laudatio auf den Fernsehmoderator Claus
Kleber geäußert, der hatte am Wochenende den Carl-
Carstens-Preis erhalten. Der Preis wird an bekannte
Personen vergeben, die Sicherheitspolitik in der
Öffentlichkeit thematisieren. Wenn man so will, geht
es darum, gemeinsame Interessen in der Öffentlich-
keit herzustellen. Das haben auch Lammert und die
Merkel versucht. Beide klagen, auf ihre Weise, über
einen Qualitätsverlust. Lammert beklagt ihn bei den
Medien und Merkel in der Zusammenarbeit mit den
Amerikanern.

Wer aber, wie Merkel, gemeinsame Interessen über ge-
meinsame Werte stellt, das nennt sich Pragmatismus,
den braucht ein Werteverfall nicht zu empören.

Insofern stimme ich dem Bundestagspräsidenten zu,
der in seiner Laudatio auf Claus Kleber meinte: Die
Medien müssen nicht bloß fragen, was die Leute sehen
wollen, sondern auch, was sie sehen sollen.

Mit anderen Worten: Realität ist mehr, als der eigene
Kopf sehen will. Das sollte die Bundeskanzlerin sich
merken! Und damit beende ich meine Plauderei. Doch,
als Schmankerl noch ein Spruch:

Politik, als reiner Pragmatismus verstanden, ist wie
der Pilot eines Passagierflugzeugs, der Urlauber irgend-
wohin fliegt und dann Klagen der Passagiere damit
kontert, dass es überall gleich aussehe.

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