Das Butterpferd der Politik

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Ich gehe mal auf die Toilette, sagte mein Kumpel, dort

werde ich eine ethnische Säuberung durchführen!

 

Verdutzt hielt ich inne. Wir saßen in unserem Stamm-

lokal und er hatte mal wieder einen seiner Witze ge-

macht. Natürlich wusste ich, was er meinte. Er hatte

aber eine seltsame Art, sich auszudrücken.

 

Würde ich mich auch so verständigen wollen?

Der Ausdruck: ethnische Säuberung wurde geboren

in den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts, als in

Jugoslawien der Balkan-Krieg wütete. Damals ver-

trieben und töteten Serben Kroaten und überhaupt

jeden, der ihrer Weltsicht im Wege stand. Wie es für

politische Wegelagerer und Mörder üblich ist, sagten

sie natürlich nicht: wir malträtieren euch, bis ihr tot

seid. Sie umschrieben und verharmlosten ihre po-

litischen Meuchelmorde als: ethnische Säuberung.

 

Nun waren es aber Serben, die töteten und nicht die

Sprache. Wenn ich einen Staubsauger in die Hand

nehme und meine Wohnung sauge, dann reinige ich

sie, ich führe eine Säuberung durch. Und Säuberung,

als Vorgang, ist auf mehrere Bereiche des täglichen

Lebens anwendbar. Wenn ich im Beichtstuhl Buße

leiste, dann reinige ich meine Seele von Schuld, und

wenn ich mich auf der Toilette erleichtere, dann ist

das auch eine Reinigung. Ich würde es aber nicht so

nennen wollen.

 

Ein Ausdruck, der beliebig austauschbar ist und sich

auf viele Lebensbereiche mühelos anwenden lässt, ist

nur heiße Luft. Ähnlich hat sich auch der Philosoph

Jean-Paul Sartre geäußert. Er meinte: ein Schriftsteller

könne der Sprache dienen oder sie benutzen. Und als

Beispiel gebrauchte er den Ausdruck: Butterpferd. Ein

Schriftsteller kann von einem Butterpferd schreiben,

auch wenn es nicht real ist; der Ausdruck entspringt

seiner Phantasie und er benutzt die Sprache für seine

Zwecke.

 

In diesem Sinne benutzen auch die politischen Mörder

die Sprache. Indem sie Ausdrücke beliebig verwenden

höhlen sie die Sprache aus. Zurück bleiben Hüllen, die

Phrasen, der Sprache und der Politik.

 

Einem Schriftsteller, weil er sich zur Sprache berufen

fühlt, bleibt dann nicht anderes übrig, als sich als Sprach-

reiniger aufzuführen. Er führt dann Säuberungen durch.

 

Nun unterscheidet sich diese Säuberung nicht bloß da-

durch, dass keine Menschen sterben, sie unterscheidet

sich auch darüber hinaus, dass er – als Berufener – der

Sprache dient.

 

Der Schriftsteller, der echte Schriftsteller, nennt Butter –

Butter und Pferd – Pferd. Bei ihm gibt es kein Butterpferd.

Aus diesem Grund würde ich auch nicht von einer eth-

nischen Säuberung reden, wenn ich auf die Toilette ginge.

 

Andererseits: Sartre wendet sich zwar gegen das Butter-

pferd, er hat aber auch nichts gegen die Erfindung solcher

Worte. Sprache ist eben auch ein Spiel mit Worten.

 

Nun wird es verwirrend klar! Soll der Poet mit den

Worten spielen oder soll er mit ihnen streng sein?

 

Mir leuchtet nicht ein, warum er sich für eine Seite ent-

scheiden soll. Sprache ist das, was ein Poet aus ihr macht.

Das trifft natürlich auch auf die Politischen Mörder zu, a-

ber, das ist nicht das Problem der Sprache. Sie passt sich

an und verheimlicht, was es zu verheimlichen gibt; oder

eben anders: sie vermittelt, was es zu vermitteln gibt. Ohne

Sartre nahetreten zu wollen, aber, mit dem Begriffspaar:

dienen und bedienen komme ich als Schriftstelle nicht

weiter. Es ist für mich nicht zwingend genug, um Partei für

eine Seite zu ergreifen.

 

Was ich besser finde – und für mich akzeptiere – ist ein an-

deres Begriffspaar: Gleichmacherei oder Gerechtigkeit. Wer

Begriffe auf alle möglichen Lebenslagen anwendet, betreibt

Gleichmacherei. Wie eine Planierraupe ebnet er Situationen

ein, indem er sie ihrer Individualität beraubt. So etwa ist ein

politischer Mord ein politischer Mord und keine ethnische

Säuberung. Außerdem: in diesem Fall geht es auch nicht um

Sprache, es geht um Verbrechertum.

 

Gerecht wird die Sprache, wenn sie sich ein Gespür für die

einzelnen Situationen bewahrt und angemessen reagiert. So

würde ich, ginge ich auf die Toilette von einer ethnischen

Säuberung sprechen! Ja, das ist durchaus lustig und der Si-

tuationen angemessen. Auch kann man das Beispiel mit dem

Butterpferd gelten lassen. Es ist ein Spiel mit Worten, die

man als Ausnahme gelten lassen kann. Insofern nähere ich

mich Sartre an. Ich sage auch nicht, dass er unrecht hat, ich

sage nur, dass mich seine Argumentation nicht restlos über-

zeugt.

 

Das bringt mich zu einer anderen Frage. Was ist ein Poet?

Eine mögliche Antwort: Der Poet ist der strenge Spiel-

gefährte der Worte. Er behandelt nicht alle Worte gleich,

sondern versucht ihnen gerecht zu werden.

 

Am Ende dieser Überlegung erscheint mein Kumpel wieder

am Tisch. Und erneut verblüfft er mich. Er sagt: Der Hin-

tern ist das unmöglichste Geschöpf dies- und jenseits des

Mondes. Er macht nur Mist.

 

Und darüber entspinnt sich nun eine lange Diskussion. Aber

darüber ein anderes mal!

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