Ohne Moos nix los!


Kleinode der Poesie (Feuilleton)

Der Sommer ist eine Blume mit wechselnden Farben: erst

scheint er grün, dann golden, dann grau. Und schließlich

blättert er ab.

 

Geht man in diesen Tagen auf die Straße, treten Blätter

ihre Reise an. Getragen vom Wind verlassen sie ihre

Äste und reisen in alle Richtungen. Das Ziel kennen sie,

es hat ihnen bloß noch keiner gesagt.

Das hat einen großen Vorteil: wer sein Ziel nicht kennt,

der kann überall ankommen. Und wer ankommt, kommt

an, zum Beispiel bei mir.

 

Als Kind habe ich gerne Blätter gesammelt und in Bücher

gepresst. Noch heute besitze ich Blätter, die ich vor mehr

als achtzehn Jahren aufgelesen habe.

 

Nehme ich ein Buch aus meinem Regal und schlage es auf,

passiert es mir hin und wieder, dass ein Blatt herausfällt.

Meist ist es rot, rot wie die Leidenschaft und ich hebe es

auf. Manchmal erinnere ich mich noch an den Tag, an dem

es mich gefunden hat. Ja, es war auf dem Weg zu mir! Es

hat gewartet, bis ich komme und ging dann auf Reisen mit

mir in meine Erinnerung, wo ich es aufbewahre. Und wenn

ich ein Buch aufschlage, öffne ich auch zugleich die Tür zu

meiner Erinnerung. Generell ist es bei mir so: durch das,

was andere auf der Straße abgelegt haben, werde ich auf-

gelegt. Und das seit ich ein Kind bin.

 

Ist das übertrieben? Nicht wirklich. Bereits als Kind wollte

ich schreiben. Und so habe ich Blätter gesammelt oder mir

Straßen gemerkt, die abgewinkelt waren und zu alten Fach-

werkhäusern führten, die sich durch ihr Äußeres von den

grauen Häusern ihrer Umgebung unterschieden haben und

mich so beeindruckten und auf diese Weise den Wunsch in

mir weckten irgendwann über dieses Erlebnis zu schreiben.

Alltagserlebnisse sind Kleinode der Poesie. Man muss sich

von ihnen nur finden lassen wollen. In dieser Hinsicht bin

ich sehr entgegenkommend. Denn: Wie die Blätter im

Wind habe auch ich kein Ziel, darum bin ich für alles offen.

 

Was ist der Herbst? Er ist der Nachsommer, oder der Vor-

winter. Je nachdem, wie man ihn betrachtet. Schon Arthur

Schopenhauer meinte, die Welt sei eine Vorstellung. Ja, das

ist sie. Die Welt ist eine Vorstellung und der Tag hebt regel-

mäßig den Vorhang für ein neues Spiel. Was aber gespielt

wird entscheidet der Literat. Und der Leser.

 

Damit verabschiede ich mich und begebe mich wieder auf

die Straße. Mal sehen, wer mich als nächstes finden will!

Bis dann!

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