Ohne Moos nix los!


Ein Dschihadist mit Zukunft (Glosse)

Ich bin im Arbeitsamt und soll an einer Umschulung
teilnehmen. Mein Arbeitsberater hatte mich eingeladen,
weil er meinte, Literatur sei eine brotlose Kunst und ich
solle etwas nützliches lernen, ich solle einen Beruf mit
Zukunft ergreifen, der gerade im Kommen sei.

Also sitze ich in seinem Büro und frage, was genau er
unter einem nützlichen Beruf mit Zukunft meint. Er sitzt –
mir gegenüber – neben sich den Computer und sagt
freundlich: Dschihadist!

Ich nicke. Sie wissen, was das ist? fragt er überrascht. Ich
schüttle den Kopf. Hätte mich auch gewundert, sagt er,
dann erkläre ich es Ihnen! Ich setze mich aufrecht hin und
lausche.

Der Verfassungsschutz – vielmehr – das Bundesamt für Ver-
fassungsschutz hat festgestellt, dass es verstärkt Deutsche
jedes Alters gibt, die nach Syrien reisen und sich dort zu
Dschihadisten ausbilden lassen.

Ich reise nicht gerne, wende ich ein. Sie wissen ja, sage ich,
als Literat sitzt man viel: am Schreibtisch oder im Kaffee-
haus.

Mag sein, unterbricht er mich freundlich, aber reisen
bildet – oder wollen sie das bestreiten? Ich schüttle mit dem
Kopf. Sie bleiben auch nicht lange, in etwa einem halben
Jahr sind Sie wieder hier.

Ich schweige. So schlimm wird das nicht, sagt er auf-
munternd, Sie lernen da mit einer Panzerfaust zu schießen,
dann üben Sie Häuserkampf – das ist etwa so wie bei den
Pfadfindern!

Bei den Pfadfindern lernt man, eine Panzerfaust zu bedienen?

Nein, sagt er, natürlich nicht, Sie werden aber nicht leugnen
wollen, dass eine Ausbildung zu einem Dschihadisten nichts
von einem Abenteuerurlaub hat!

Stimmt, sage ich, so betrachtet.

Und, sagt er, sie nehmen etwas Wertvolles mit.

Was denn? sage ich.

Die Bereitschaft zur Schahada!
Soll heißen?

Die Bereitschaft zum Märtyrertod!

Sind Sie verrückt! sage ich und stehe empört auf, bereit
zum gehen.

Nicht so voreilig, sagt er, gewisse Risiken sind natürlich
nicht ausgeschlossen. Aber welcher Beruf ist risikofrei!

Ihrer! wende ich ein.

Das ist eine gewagte Theorie, sagt er, mir ist neulich beim
sitzen mein rechtes Bein eingeschlafen. Sie glauben nicht,
wie das geschmerzt hat.

Kenne ich, sage ich, ist mir auch schon passiert.

Da haben wir es doch, sagt er, Risiken bestehen überall.

Sie vergleichen ein taubes Bein mit einem Selbstmord?

Nun ja, sagt er, wenn man tot ist, ist man in gewissen Sinn
auch taub – oder?

Stimmt, sage ich etwas beruhigter und setze mich wieder.

Außerdem, sagt er, verlangt keiner, dass sie wirklich einen
Märtyrertod sterben. Es geht eher darum, dass sie einen
nützlichen Beruf haben.

Was tut denn so ein Dschihadist? frage ich.

Der Dschihadist, sagt er, ist ein Gotteskrieger.

Ich glaube aber nicht an Gott, sage ich.

Hat auch keiner verlangt, sagt er, es geht hier um einen
Beruf und nicht um eine Berufung.

Aha.

Der Dschihadist sitzt also mit anderen Dschihadisten beim
Tee, plant Anschläge auf öffentliche Gebäude, sitzt mit
anderen Dschihadisten dann wieder beim Tee, konstruiert
Bomben und…

… und sitzt erneut mit anderen Dschihadisten beim Tee.

Nee, sagt er, er wird dann von der Polizei verhaftet und
ausgiebig verhört.

Oha! sage ich, das ist aber schlimm.

Ach, winkt er ab, das ist doch harmlos. Die wissen doch
eh schon alles über sie und Ihre Pläne.

Warum dann das Verhör? sage ich.

Eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Polizisten. Und
während ihrer Ausbildung, sagt er weiter, werden sie na-
türlich ausspioniert.

Warum das? sage ich, das ist überflüssig…

Nein, unterbricht er mich freundlich, wir müssen aber auch
Spione ausbilden und die politische Polizei braucht auch
eine Arbeit.

Verstehe, sage ich, so hat jeder was davon.

Er nickt und sagt: nachdem man sie verhört hat, kommen
Sie dann eh wieder auf freien Fuß.

Das ist aber nett, sage ich.

Ja, sagt er, dann bekommen Sie eine weitere Ausbildung.

Noch eine? sage ich ungläubig.

Ja, sagt er, sie werden dann zum Spion ausgebildet und
spionieren die anderen Dschihadisten aus.

Ist das nicht schwer? sage ich.

Neinnein, winkt er ab, die meiste Zeit trinken Sie mit
denen eh nur Tee. Und erst wenn die am konstruieren
von Bomben sind, melden sie das und der Rest über-
nimmt die Polizei.

Klingt nach einem angenehmen Beruf, sage ich.

Und er hat Zukunft, sagt er, Dschihadisten werden ü-
ber-all gebraucht: Syrien, Afghanistan, Pakistan, Mali…

Ich zucke zusammen: da wird aber richtig gekämpft
und richtig gestorben.

Sie müssen nicht kämpfen, sagt er, auch das ist nur
eine weitere Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Für wen?

Für Berufsneulinge vom Militär, die üben sollen, wie
man Verhöre durchführt.

Interessant! sage ich.

Ja, sagt er, allerdings bringen Ihnen diese Verhöre
einige blaue Flecken ein.

Wie das?

In diesen Ländern werden neuartige Verhörmethoden
angewandt, die wir bereits aus dem Mittelalter kennen.
Dann sind die aber nicht mehr neu, sage ich.

Da wir diese Methoden abgeschafft haben, sagt er
sind unsere Erfahrungen mit ihnen schon neu.

Stimmt, sage ich, und dann?

Nach diesen Verhörmethoden, die in der Regel harm-
los sind, sagt er, bekommen Sie Invalidenrente.

Das ist ja nett, sage ich.

Die werden Sie dann auch brauchen, sagt er.

Apropos Rente, sage ich, dann werde ich doch Zeit
haben, um literarisch tätig sein zu können, oder?

Stimmt, sagt er.

Ich glaube, sage ich, das kann ich bereits schon
jetzt.

Und mit diesen Worten erhebe ich mich und verab-
schiede mich von ihm. Traurig blickt er mir nach.
Gerade, als ich die Tür öffne und aus seinem Büro
gehen will, höre ich, wie er leise sagt: Und da be-
haupte einer, mein Beruf hätte keine Risiken.
Wieder einer, der mir durch die Lappen ist!

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