Kunstwortbruch (Ein Feuilleton von Wolfgang Luley)

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Kunst entsteht durch planvolle Willkür. Sprichwörter, willkürlich

verändert, sind ein neues Kunstwerk, das neue Weisheiten bietet.

Damit lassen sie alte Wahrheiten hinter sich, denen sie ihr Wort

gegeben haben, vielmehr haben sie es dieser Wahrheit nur ge-

liehen. Sie waren Sprachrohr dieser einen Wahrheit und sind nun

das Sprachrohr einer anderen Wahrheit. Damit wurden sie wort-

brüchig.

Andererseits: Sprichwörter erzählen Weisheiten, die sie dem Le-

ben abgelauscht haben. Diese Lebensweisheiten, einmal aufbe-

wahrt, bleiben unverändert, während das Leben sich ändert.

Wollen Sprichwörter weiterhin sprechende Wörter bleiben, die

auf offene Ohren treffen, dann bleibt ihnen nur der Wortbruch;

die alte Wahrheit lassen sie verstummen und verkünden nun eine

neue, zeitgemäßere Wahrheit.

Allein bewältigen sie diesen Wortbruch nicht, der Schriftsteller

dient ihnen als erstes Publikum.

Hier einige Sprichwörter, die der Leser sein offenes Ohr leihen

möge, auf das sie ihn unterhalten und unterrichten mögen:

 

Lieber ein Grünspecht auf dem Hausdach,

als ein Schluckspecht im Haus.

 

 

Ein Schluckspecht am Morgen,

bringt Kummer und Sorgen.

 

 

Spottdrossel und Schluckspecht schlagen sich,

Spottdrossel und Schluckspecht vertragen sich.

 

 

Spottdrosseln lehren fluchen.

 

 

Schlafende Spottdrosseln soll man nicht wecken.

 

 

Eine Spottdrossel kommt selten allein.

 

 

Wo sich Spottdrossel und Schluckspecht gute Nacht sagen.

 

 

Zwei – wie Spottdrossel und Papagei.

 

 

Er war zwischen Spottdrossel und Papagei geraten.

 

 

Lieber ein Grünspecht auf dem Hausdach,

als einen Grünschnabel am Hals.

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